Autor: Verena Brunschweiger

Feminist City – oder vielleicht besser Stadt der Frauen?

Leslie Kerns Feminist City als nur partiell genuin feministisches Plädoyer

 

Von Literaturkritik.de zensiert – progressive Kritik am Mainstream unerwünscht

 

Von Verena Brunschweiger

 

Nur eine Mutter darf ihre Brust öffentlich entblößen, ohne gesteinigt zu werden. Bei Nicht-Müttern, die mit tiefem Ausschnitt oder gar ohne BH unterwegs sind, fallen sofort diskriminierende Bemerkungen und Blicke – nicht so bei Stillenden. Dadurch wird die Dichotomie Hure-Heilige natürlich ganz massiv forciert statt abgeschafft. Das ist Leslie Kern nicht so ganz klar. Ebenso wenig, dass Gebären und (die permanent von ihr so bezeichnete) Sexarbeit die zwei wichtigsten Stützpfeiler sind, die das von ihr angeblich kritisierte Patriarchat Tag für Tag re-produzieren.

Aber abgesehen davon beinhaltet das Buch durchaus wertvolle Erkenntnisse und Forderungen, wie man eine Stadt für Frauen lebenswerter gestalten könnte. Wenn man das angesichts exorbitant restriktiver Corona-Maßnahmen denn noch könnte…

Kern schreibt sehr eingängig von typischen Erfahrungen, die wohl tatsächlich jede Frau schon gemacht hat: beispielsweise das leicht mulmige Gefühl, wenn man allein im Dunkeln spätnachts unterwegs nachhause ist und ein Unbekannter hinter einem geht. Die gewöhnliche Stadt wäre eben auf den durchschnittlichen weißen cis-Mann zugeschnitten.

Generell beschreibt die Autorin ihre Arbeit folgendermaßen: Feministische Geografinnen stützten sich „oftmals auf ihre eigenen Erfahrungen, um zu erforschen, wie Geschlechterrollen mit anderen sozialen Ungleichheiten verknüpft sind und welche Rolle der Raum in der Strukturierung von Unterdrückungssystemen spielt.“

Das erklärt wohl, warum relativ wenig Forschungsliteratur vorkommt in Kerns Buch, sondern vor allem persönliche Erlebnisse sowie schon enorm breit ausgewalzte Szenen aus Erzeugnissen der Populärkultur (allen voran: die Serie Sex and the City).

 

„Für viele von uns sickert die Botschaft jedoch eher als intravenöse Infusion in unser Blut, sie breitet sich so kleinschrittig in unseren Systemen aus, dass sie, sobald wir uns ihrer bewusst werden, bereits komplett im Blutkreislauf aufgenommen ist. Sie ist bereits ganz natürlich, selbstverständlich, normal.“

Die Verfasserin schildert, wie sich die weibliche Angst entwickelt – für mich jedoch klappt genauso auch die pronatalistische Indoktrination. Anders kann man sich zumindest nicht erklären, warum sie ernsthaft Sätze wie diesen völlig ironiefrei bringt:

„Dennoch frage ich mich, ist die Flâneuse jemals schwanger oder schiebt sie jemals einen Kinderwagen vor sich her?“

Natürlich nicht, möchte man als echauffierte Leserin rufen, das ist doch gerade die Pointe, eine Flâneuse lässt sich niemals zur Mutter, die mit einem „lauten, stinkenden Baby“ sich und die Umwelt belastet, degradieren. Kern entblödet sich denn auch nicht, zu berichten, wie ein Mann, der ihr mit dem Kinderwagen half, infolgedessen rückwärts die Treppe hinabstürzte.

Dabei gelingt es ihr zumindest, festzustellen, dass Frauen wie sie selbst nicht unerheblich zur Gentrifizierung bestimmter Wohngegenden beitragen und prä-Corona vor allem in Bereichen wie Konsum, Kultur und Entertainment zu finden waren. „Nicht einmal von der archetypischen Vorstadtmutter der 1950er-Jahre wurde erwartet, dass sie ihre Kinder fortlaufend bespaßte.“ Damit ist es jetzt aber ohnehin vorbei, aufgrund der Maßnahmen werden Frauen tatsächlich wieder in die 50er katapultiert.

Kein Wunder also, dass in so einem Buch kinderfreie Frauen kaum vorkommen, Lesben en passant und Seniorinnen fast überhaupt nicht. Schwarze und indigene Frauen sowie Leute, die nicht der Mittelschicht angehören, werden jedoch adäquat in ihre Überlegungen einbezogen.

Ein paar Klischees müssen aber scheinbar doch sein. So fragt Kern, wie eine Stadt „voller Fürsorge“, also in ihren Augen weiblich-feministisch, wohl aussähe.

Barrierefreie Beförderung, bezahlbarer Wohnraum, sichere öffentliche Toiletten (wobei sich die Autorin für die Version ausspricht, die die Benutzung von Damentoiletten durch Trans-Frauen erlaubt – ein feministischer Dauerstreitpunkt) sind zwar keine neuen, aber sicher zeitlos vernünftigen Forderungen – zumal viele Frauen im Trikont davon nach wie vor nur träumen können.

Die schönsten Stellen in Kerns Buch sind zweifellos die Schilderungen diverser Demos, an denen sie teilnahm: Take Back The Night, Slutwalks etc. Absolut treffend und auch jetzt in besonderem Maße virulent ihre Kritik an der Polizei, die eben wahrlich „keine verlässliche Verbündete ist, wenn es darum geht, Gewalt gegen Frauen zu beenden.“

 

Stereotype jeglicher Art, so Kern richtig, verstärken die Angst, die medial noch geschürt wird: nicht nur in Kanada, auch und gerade in Deutschland werden reißerisch Klischees bedient, Frauen wären in der Stadt nicht sicher (Beispiel Flüchtlinge, welche ja nach Ansicht mancher Organe ausschließlich männlich, zwanzigjährig und islamistisch angehaucht sind und aus einem einzigen Grund hierherkommen: um deutsche Frauen zu vergewaltigen). In der heterosexuellen Kleinfamilie hingegen wäre man als Frau sicher. Deutsche Männer sind ja allesamt ganz wunderbar und behandeln ihre Frauen so, dass man sich fragt, wieso überhaupt jemals von häuslicher Gewalt „hier bei uns“ die Rede sein muss…

 

Feminist City beinhaltet zahlreiche interessante Anregungen und korrekte Feststellungen und wenn man sich nicht stört an der Beweihräucherung des Pronatalismus und an der Verharmlosung des patriarchal-kapitalistischen Systems der Prostitution, dann ist dieses Buch eine bereichernde Lektüre, auch in Zeiten, in denen irrationale Ausgangssperren etc. den Frauen jegliche Möglichkeit, öffentliche Räume einzunehmen oder gar zu gestalten, prinzipiell verwehren.

 

Screenshot, https://unrast-verlag.de/vorankuendigungen/feminist-city-detail

 

Leslie Kern: Feminist City.

Aus dem Englischen von Emilia Gagalski

Unrast-Verlag, Münster 2020

192 Seiten, 14.80 EUR

ISBN: 978-3-89771-332-1

 

Leslie Kern ist assoziierte Professorin für Geografie und Ökologie und Direktorin der Frauen- und Geschlechterstudien an der Mount Allison University. Sie lehrt Geografie mit einem Fokus auf urbane, soziale und feministische Bewegungen.

(Quelle: Unrast-Verlag)

 

18.11.2020: Kinderlosigkeit – Traum statt Trauma? Talk-Livestream zur Buchveröffentlichung von Regina Toepfer

Mittwoch, 18.11.2020:

Kinderlosigkeit – Traum statt Trauma?

Traum statt Trauma – so lautet das Glücksversprechen von Kinderwunschzentren. Doch inwiefern ist Elternschaft überhaupt für alle kinderlosen Frauen und kinderlosen Männer erstrebenswert? Gehören Kinder notwendigerweise zu einem erfüllten und sinnhaften Leben dazu, und was bedeutet eine solche Auffassung für Singles, für gleichgeschlechtliche Paare oder überzeugte Nicht-Mütter?

Kinderlosigkeit löst gespaltene Gefühle und Reaktionen aus. Während in Politik und Gesellschaft über eine geringe Geburtenrate geklagt wird, wünschen sich viele Betroffene sehnlichst Nachwuchs. Andere entscheiden sich bewusst gegen ein Kind und manche bereuen gar, Eltern geworden zu sein. Frauen, die keine Kinder haben wollen, gelten als egoistisch; Paare, die keinen Nachwuchs bekommen können, werden zum Arzt geschickt, um sich reproduktionsmedizinisch behandeln zu lassen.

Für die Literaturwissenschaftlerin Regina Toepfer steht fest: Kinderlosigkeit ist kein biologisches Schicksal, sondern sozial und kulturell geprägt. Was politisch als Problem beurteilt wird, kann religiös oder ökologisch als Ideal erscheinen. In ihrem Buch “Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter” (2020) zeigt sie, dass die Kinderfrage in Vergangenheit und Gegenwart viele verschiedene Facetten hat.

Abseits von Stereotypen will der Talk vielfältige Perspektiven berücksichtigen und so Raum schaffen für die Frage, wie die Binarität von Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit, Elternschaft und Kinderlosigkeit überwunden werden kann. Ausdrücklich erwünscht sind Fragen der Zuschauer*innen während des 75-minütigen Livestreams am Mittwoch, 18. November 2020 auf dem YouTube Kanal der Technischen Universität Braunschweig.
Schalten Sie ab 18.00 Uhr ein!

Talk Gäste:

Zur Buchveröffentlichung von Regina Toepfer: Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter (2020, Stuttgart: J.B. Metzler)

wird die Autorin:
Regina Toepfer, Professorin für Germanistische Mediävistik an der Technischen Universität Braunschweig,

zusammen mit:
Verena Brunschweiger, Autorin der Bücher “Kinderfrei statt Kinderlos. Ein Manifest” (2019) und “Die Childfree-Rebellion: Warum ‘zu radikal’ gerade radikal genug ist” (2020),
und Petra Thorn, Therapeutin spezialisiert auf psychosoziale Kinderwunschberatung, Herausgeberin mehrerer Bücher u.a. zu multipler Elternschaft
im Gespräch sein.

Moderation:
Elisabeth Hoffmann, Technische Universität Braunschweig, Leitung Presse und Kommunikation
Co-Moderation:
Jeremias Othman, Wissenschaftskommunikator und Mediendidaktiker

Details: Mittwoch, 18. November 2020, 18-19.15 Uhr

Der YouTube-Link folgt in Kürze.

Fight Back! Trigger Warning von Sheila Jeffreys als grandioses Resümee eines radikalfeministischen Lebens

Von Dr. phil. Verena Brunschweiger, 11. Oktober 2020

I found myself isolated as a radical lesbian feminist theorist and teacher in a world where feminism was scarcely mentioned or actively repudiated. This period was a lonely one for the few of us still working and acting as radical feminists in the western world.

Dieses Gefühl der Verlorenheit, das Empfinden, ganz allein zu sein auf weiter Flur – das kennt im Jahr 2020 wohl tatsächlich jede Radikalfeministin, nicht nur die mittlerweile 72-jährige Sheila Jeffreys, welche diese Zeilen in der Einleitung zu ihrer Autobiographie schreibt.

Umgeben von Pseudofeministinnen, die beispielsweise dem Happy-Sexwork-Mythos huldigen, ist es eine unbeschreibliche Wohltat, diese Retrospektive zu lesen, die so viel mehr ist als nur das. Die Autorin berichtet zwar sehr wohl von ihrer Kindheit und Jugend, von hetero- und homosexuellen Begegnungen, aber sie bringt uns in eindringlicher Weise den Zeitgeist ihrer Welt nahe. Ob wir uns im England der 1970er befinden oder im Australien (wo die Politikwissenschaftlerin über zwanzig Jahre an der Universität Melbourne unterrichtete) der Nuller Jahre – stets hat man das Gefühl, direkt dabei zu sein, mit Ann, Sheila und anderen Feministinnen zu diskutieren oder zu demonstrieren.

Bei einer Autorin, die immer wieder die großartige Janice Raymond als eine der wichtigsten Kolleginnen anführt, überrascht es nicht, dass sie selbst in der Reproduktion einen der Hauptgründe für die weibliche Unterdrückung sieht und dieses Modell für sich selbst ablehnt:

Living as a fertility goddess did not attract me at all as I was too interested in the life of the mind and in conversation.

Dieser Aspekt ist aber nur einer der höchst erfreulichen, die dieses Buch zu so einem Genuss machen. Sheila Jeffreys verortet sich links und sie kritisiert den Antisemitismus, der im England der 1980er durchaus salonfähig war – und zwar auch in feministischen Kreisen, was noch dazu von linken Zeitungen und dem Malestream unterstützt wurde:

Antisemitism is the only form of racism that has always been acceptable to some of the hard Left and is based on blaming Jews for capitalism.

Bei einer in jeglicher Hinsicht hellsichtigen Aktivistin nimmt es natürlich auch nicht wunder, dass der antifeministische Backlash, der sich unter anderem darin manifestiert, dass Kritik an Pornografie oder Prostitution nahezu ausstarb, immer wieder Thema ist. Erst Gail Dines, die Autorin von Pornland, sorgte hier für eine Wiederbelebung – “and others in the 2010s“ (beispielsweise 2013 mein Buch Fuck Porn). Jeffreys hatte das Glück, mit Andrea Dworkin und vielen anderen namhaften Radikalfeministinnen persönlich bekannt zu sein und zu kooperieren.

Wer sich in mehreren Büchern und zahllosen Aktionen gegen die Privilegierung weißer Cis-Männer wendet, bekommt in der Regel massiven Gegenwind zu spüren. Da ist Jeffreys keine Ausnahme. Mehrfach und systematisch erlebte sie, was den meisten Radikalfeministinnen hinlänglich bekannt ist: Es wird versucht, die betreffende Autorin mundtot zu machen, sie zu ignorieren, zu diffamieren; ihre Bücher und Auftritte werden verrissen:

Immediately afterwards, the host, Kenny, told me that there had been lots of infuriated viewers phoning in to object to my having been on the show. […] None of the commentators were neutral about the book, they either loved or hated it and my detractors were very angry.

Personen, die im Leben keins ihrer Bücher kauften oder lasen, schrieben ihr negative Bewertungen auf Amazon – Internet sei Dank haben niveaulose Hater ja ein unbegrenztes Feld an Möglichkeiten, unbequeme Frauen zu degradieren. Und es geht noch weiter, bis hin zu beruflichen Nachteilen, beispielsweise in Form von Nicht-Anstellungen:

The woman who did get the job had not written a book, had no more qualifications than me, and was much less well known. But she was, presumably, politically safe, whereas I was not.

Trotz ausführlicher Klagen über die Feindseligkeit, die man seit den frühen 2000ern dem Feminismus allerorts entgegenbringt, auch und gerade von Seiten queerer Aktivist*innen, wird Jeffreys‘ Ton nie bitter, sondern strahlt in jedem Abschnitt eine inspirierende Zuversicht aus und eine tiefe Befriedigung darüber, Teil dieses Wegs gewesen zu sein, einen so bedeutsamen Beitrag geleistet zu haben und für die wirklich coolen jungen Radikalfeministinnen heute noch als Vorbild zu fungieren. Der Kampf lohnt sich trotz allem. Immer. Prinzipiell.

Sheila Jeffreys: Trigger Warning. My Lesbian Feminist Life.

Spinifex Press, North Geelong 2020

240 Seiten, 21.31 EUR

ISBN: 978-1925950205

Die traurige Vorherrschaft der Misogynie (Rez.)

Rebecca Solnit beschreibt in „Unziemliches Verhalten“ den Prozess ihrer feministischen Selbstwerdung

29.09.2020, Literaturkritik.de

Von Verena Brunschweiger

 

An Virginia Woolf interessiert uns, dass sie A Room of One’s Own und andere grandiose Werke verfasst hat, und nicht, ob sie ihre Reproduktionsorgane benutzt hat – diese fulminante Antwort Rebecca Solnits auf eine Interviewfrage lässt mehr als nur aufhorchen, man erwartet viel von solch einer Autorin.

In der Tat enttäuscht das jüngste Werk der Mansplaining-Publizistin nicht. Man erfährt darin Interessantes über San Francisco, die bunte, homophile Stadt, die wesentlich dazu beitrug, Solnit zu ihrer ganz eigenen Stimme finden zu lassen. Auch über die Umgebung, über signifikante amerikanische Landstriche, aber vor allem über marginalisierte Gruppen, über Schwarze und Schwule, deren Kämpfe persönlich und strukturell bedeutsam waren für die Autorin. Die „Außenseiterin“ verbrachte den Großteil ihres Lebens in dieser Metropole und beklagt etwa, dass eine linke Buchhandlung dort zur Brillenboutique mutierte – eine ubiquitäre Entwicklung, vergleichbar mit der Tatsache, dass ein italienischer Bücherladen in München jetzt nicht mehr existiert, die Räumlichkeiten dafür aber einen Friseur beherbergen.

Das wichtigste Thema in Solnits neuem Buch jedoch ist die Gewalt gegen Frauen. Sie prangert victim blaming an und berichtet nicht nur aus persönlicher Betroffenheit von der Erfahrung, als junge Frau in einem Klima der Angst und stetigen Wachsamkeit aufzuwachsen. In diesem Kontext spricht Solnit auch über unsere misogyne Kultur, die sich seit jeher an jungen weiblichen Leichen delektiert. Man denkt sofort an Catherine Cléments Die Frau in der Oper, ein wunderbares, trauriges Buch, das nicht umsonst den Untertitel Besiegt, verraten und verkauft trägt. Man denkt auch an eine Vorstellung von La Traviata vor etlichen Jahren in Rom, als sich ein männlicher Zuschauer über die Sängerin der Titelpartie mokierte, als selbige die Phrase „Morire bella e giovane“ („Schön und jung sterben“) intonierte. Die kumulative Misogynie im Gewande der Hochkultur ist eine unendliche Melodie.

Solnit thematisiert außerdem die „üblichen“ Vergewaltigungs- und Morddrohungen gegen Feministinnen, die ihre Stimme erheben. Manche Frauen internalisieren zudem die Erotik der Unterdrückung, so Solnit. Korrekt, anders lässt sich der unfassbare Erfolg der Shades of Grey und vergleichbarer Machwerke nicht erklären.

Ähnliches gilt für die Integration männlicher Bewertungsraster in die weibliche Selbstwahrnehmung. Solnit weist darauf hin, dass nicht nur fat shaming ein Problem ist, sondern auch dessen Gegenteil. So wurde sie persönlich gemobbt, weil sie sehr schlank war.

Sexuelle Belästigung, schreibt die Autorin, ist in den seltensten Fällen ein freundliches Angebot attraktiver Menschen. Allerdings! Umso betrüblicher, dass dreimal von „Sexarbeit“ die Rede ist, diesem unerträglichen Euphemismus, der das Leid der überwältigenden Mehrheit prostituierter Frauen bagatellisiert.

Selbstzweifel und Zurückhaltung verhelfen den Tätern zu einem leichten Spiel. Logischerweise haben da Entwicklungen wie #MeToo Solnits vollen Support, wobei sie die Ambivalenz der sozialen Medien richtig darstellt, die ja einerseits solche Geschichten sammeln und verbreiten, andererseits aber auch bösartigster Hate Speech breiten Raum geben.

Lesen war für Solnit stets exorbitant wichtig. Es brachte ihr zwar ein, „an Orten zu leben, wo Frauen nur Dekoration, Trophäen oder Zuchtstuten waren“. Aber dies wiederum half ihr, auch gegen diese Missstände anzuschreiben. Sekundärliteratur spielt dabei nur eine geringe Rolle in dem vorliegenden Buch, was jedoch kaum ins Gewicht fällt, zumal Klassiker wie Andrea Dworkin durchaus erwähnt werden.

Besonders interessant ist auch, dass Solnit bereits vor langer Zeit als Verschwörungstheoretikerin abgetan wurde, eine Diffamierungsstrategie, die in Corona-Zeiten vor allem Leute trifft, die nicht die strenge Ideologie des RKI vertreten.

Zwei herausragende Zitate dürfen in einer Besprechung dieses Buchs nicht fehlen. So stellt die Autorin heraus, welch „radikale Schönheit darin liegt, sich der zugewiesenen Rolle zu verweigern“. Auch sie erlebte, was jede kinderfreie Frau wieder und wieder erleben muss: „übergriffige“ Fragen, warum sie keine Kinder hätte – was sie schlagfertig mit dem Hinweis auf ihre Heimatstadt beantwortet, wo es Leute gäbe, die „weniger konventionelle Vorstellungen davon hatten, wie ein Leben aussehen und welche Formen von Liebe es stützen können. Es war ein unglaubliches Geschenk“.

Ein Geschenk wie Solnits Buch. Virginia Woolf wäre stolz auf sie.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten. Erinnerungen an ein feministisches Erwachen.
Aus dem Englischen von Kathrin Razum.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020.
272 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783455009538

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

„Was ich will, hängt davon ab, was er will.“

Kate Elizabeth Russells „Meine dunkle Vanessa“ als verstörender Versuch, „Lolita“ aus weiblicher Perspektive neu zu erzählen

Von Verena BrunschweigerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Verena Brunschweiger

Literaturkritik, 18.08.2020

Das Motiv der verbotenen Liebe ist seit jeher ein Bestseller-Garant. Romeo and Juliet oder Tristan und Isolde sind seit Jahrhunderten Dauerbrenner und unterlagen zahlreichen Bearbeitungen. Dabei haben wir es in diesen Werken mit relativ harmlosen Konstellationen zu tun, was bei anderen Texten wie beispielsweise John Francis Bloxams The Priest and the Acolyte nicht der Fall ist: Ein Priester verführt einen vierzehnjährigen Messnerknaben, also ein multipler Tabubruch. Die Pädophilie muss aber nicht mal homoerotisch sein oder im kirchlichen Kontext stattfinden, sie kann auch in nahezu klassischem Gewand daherkommen: Ein älterer Lehrer verliebt sich in seine Schülerin und richtet sie dementsprechend zu.

Man hatte ja inständig gehofft, nach den Shades of Grey hätte man wieder ein wenig Ruhe vor devoten, submissiven Frauen, aber weit gefehlt. Die Titelheldin Vanessa ist erst fünfzehn, als sie mit ihrem Lehrer Jacob Strane, 42, eine Affäre beginnt, die sie als solche klassifiziert, als Liebesgeschichte – dabei ist es Missbrauch. Missbrauch durch einen pädophilen Wiederholungstäter, der die Mädchen manipuliert und seine Machtposition ausnutzt, der sie groomt, bis sie keinen eigenen Willen mehr haben:

 

Ich, die für ihn alles stehen und liegen lässt und sich aufopfert, treu wie ein Hündchen, während er nimmt und nimmt und nimmt.

Es gibt nichts, was er nicht mit mir machen dürfte.

 

Das sind nur zwei der schon schwer erträglichen Äußerungen der Schülerin, die immer wieder betont, gleichaltrige Jungs fände sie reizlos, sie hätten Pickelgesichter und werteten Mädchen ab. Die Aufmerksamkeit eines richtigen Mannes hingegen empfindet sie als Auszeichnung, die sie den anderen Schülerinnen überlegen macht. Sie exkulpiert ihren Lehrer auf eine unerträgliche Art und Weise, obwohl er ihr Leben ruiniert hat. Dabei erkennt sie das in ihren lichten Momenten durchaus und sieht auch, was mit einem weiteren Opfer Stranes passiert: Sie erntet Shitstorms, wie alle öffentlich agierenden Feministinnen, inklusive Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Vanessas Empathie hält sich in Grenzen.

Dabei zeichnet sich die Heroine durch zahlreiche antifeministische Einstellungen aus: Slutshaming wird nur angeprangert, wenn es sie selbst trifft, ansonsten partizipiert sie fröhlich wieder und wieder: Eine Mitschülerin, die keinen BH trägt, hat also ein „nuttiges Hemdchen“ an, eine junge Lehrerin wird sogar mehrfach als fett bezeichnet, „ihr Po ragt nach hinten wie eine Ablage“. Ihr Vater ist ihr lieber als ihre Mutter; als ihre Freundin gelobt wird, spürt sie „eine Art Stich im Magen, so etwas wie Eifersucht, nur gehässiger“.

Engstirnig, beschränkt und gewöhnlich erscheinen ihr diejenigen Schülerinnen, die Übergriffe durch Lehrer als inakzeptabel bezeichnen, den ‚Opferfeminismus‘ findet sie explizit daneben. Als sie eines seiner anderen Opfer trifft, hat sie sich bereits überlegt, was sie ihr sagen will: „Schneidende, verletzende Bemerkungen, mit denen ich sie bis zum Knochen aufschlitzen wollte.“ Als sie mit über 30 als Rezeptionistin arbeitet, hilft sie einer jungen Kollegin, die von einem Gast bedrängt wird, absichtlich nicht.

„Alle interessanten Frauen hatten ältere Liebhaber, als sie jung waren.“ – Nein! Natürlich ist das Teil ihrer Strategie, sich den Missbrauch schönzureden, und bis fast ganz zuletzt bleibt sie Strane sklavisch ergeben.

„Wenn ein achtundvierzigjähriger Mann bei einem Mädchen von einundzwanzig keinen Ständer bekommt, was törnt ihn dann an?“ – Weibliche Solidarität? Fehlanzeige. Dabei verdankt sie es einer Therapeutin und einer Hündin, dass sich am Ende ein Hoffnungsschimmer an ihrem Horizont zeigt.

Spaß gemacht hat diese Lektüre nicht, das soll sie wohl auch nicht. Am 13.03.2020 sagte die Autorin im Rahmen eines Interviews, das Fiona Sturges für den Guardian mit ihr führte: „I’ll move wherever you get a job, just don’t expect me to bring in money.“ Diesen Spruch bekam ihr Ehemann zu hören und es betrübt enorm, dass eine relativ junge Frau so wenig Interesse an einem selbstbestimmten Leben zu haben scheint. Diese provozierende Unterwürfigkeit gegenüber allem Männlichen zieht sich betrüblicherweise durch den gesamten Roman, was schade ist, da die Missbrauchsthematik von eminenter Bedeutung ist. So wurde viel Potenzial vergeudet.

In der außerliterarischen Realität haben wir Brigitte Macron, die zeigt, dass man sich als Lehrkraft in jemanden aus der Schülerschaft verlieben kann, dass das in ganz seltenen Fällen durchaus gut enden kann, aber diese spektakuläre Ausnahme ist vielleicht auch deswegen so erfolgsgekrönt, weil sie nicht das ubiquitäre Klischee ‚älterer Mann – junge Frau/Mädchen‘ bedient, sondern das konventionelle Geschlechterverhältnis auf den Kopf stellt…

Erinnern wir uns: 1969 wurde eine 32-jährige Lehrerin, Gabrielle Russier, wegen Sex mit einem 16-jährigen Schüler zu einer Haftstrafe verurteilt – sie brachte sich im Gefängnis um. Der Prozess gegen den französischen Autor Gabriel Matzneff wegen Verherrlichung der Pädophilie wird 2021 stattfinden.

Fakt ist, dass junge Mädchen Aufmerksamkeit brauchen, von uns allen, damit sie nicht glauben, sich diese bei einem alten Mann holen zu müssen. Damit sie genügend Selbstachtung und Selbstwertgefühl haben, um niemals einem Pädophilen oder einem Loverboy – den Jacob Stranes unserer Gesellschaft – zu verfallen.

Titelbild

Kate Elizabeth Russell: Meine dunkle Vanessa.
Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer.
C. Bertelsmann Verlag, München 2020.
448 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783570104279

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

 


Wien, 6. Oktober 2020: KINDERWUNSCH ODER KINDERFREI? Diskussion mit Judith Luig & Verena Brunschweiger

DI 06. Oktober 2020

19:30 Uhr

Aktionsradius Wien

Diskussion mit Judith Luig & Verena Brunschweiger

Mischa G. Hendel lädt zum Gespräch mit Judith Luig (Mutter/Autorin) und Verena Brunschweiger (Autorin „kinderfrei“). Es geht um ungewollte Kinderlosigkeit versus freiwilligem Verzicht auf Mutterschaft, mit allen damit verbunden Tabus.

DI 06. Oktober 2020

19:30 Uhr

Aktionsradius Wien

KINDERWUNSCH ODER KINDERFREI?

Diskussion mit Judith Luig & Verena Brunschweiger

Mischa G. Hendel lädt zum Gespräch mit Judith Luig (Mutter/Autorin) und Verena Brunschweiger (Autorin „kinderfrei“). Es geht um ungewollte Kinderlosigkeit versus freiwilligem Verzicht auf Mutterschaft, mit allen damit verbunden Tabus.

Auf der einen Seite stehen Frauen, die medizinische Hilfe suchen, um sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Wer Probleme hat, ein Kind zu zeugen oder zu bekommen, ist extremen Belastungen ausgesetzt. Man zweifelt an sich selbst, an seinem Körper. Auf der anderen Seite stehen Frauen, die in der Mutterschaft nicht die gesellschaftlich vorgeschriebene Erfüllung finden. Kein Kind zu wollen gilt vielerorts als unnatürlich und egoistisch. Ist ein Umdenken und eine Akzeptanz verschiedener Lebensmodelle möglich?

Eintritt: Spenden erbeten!

Anmeldung erforderlich unter office@aktionsradius.at – Covid19-Vorgaben

Ort: Aktionsradius Wien
Gaußplatz 11, 1200 Wien
www.aktionsradius.at

„Immer sind Liebende glücklicher als Eltern“: Regina Toepfers Kinderlosigkeit

„Immer sind Liebende glücklicher als Eltern“ (S. 377)

Regina Toepfers Kinderlosigkeit

Rezension, 03. August 2020

Von Dr. Verena Brunschweiger

 

Die gegenwartsdiagnostische Relevanz der Mediävistik zeigt sich an dem Thema Kinderlosigkeit in besonderem Maß. Regina Toepfers mit über 500 Seiten sehr umfangreiches Werk beinhaltet neben Einleitung und Epilog 12 Kapitel sowie 14 Abbildungen. Letztere werden ausführlich und ikonographisch äußerst versiert besprochen, wodurch die kulturgeschichtliche Relevanz des Phänomens der Kinderlosigkeit noch deutlich unterstrichen wird. Zudem passt es exzellent zu Toepfers Ansatz der historisierenden Komparatistik, die Untersuchung so interdisziplinär wie nur möglich aufzuziehen. Es ist auch keinesfalls unabdinglich, des Mittelhochdeutschen kundig zu sein, um an dieser elaborierten Analyse Gefallen finden zu können. Vielmehr gelingt hier, was man selten so brillant umgesetzt sieht: die Unterhaltung interessierter Laien und die Erweiterung oder Vertiefung der Kenntnisse von Expert*innen.

Das Buch gliedert sich in fünf Wissensbereiche (Theologie, Medizin, Recht, Dämonologie und Ethik) sowie sieben Narrative (Göttliche Hilfe, Gefährliche Dritte, Soziale Alternative, Mystische Mutterschaft, Erzwungene Elternschaft, Keusche Ehe und Höfische Liebe). Diese Anlage allein ist schon überzeugend und könnte den Komplex der Kinderlosigkeit im Mittelalter umfassend abdecken. Was aber Toepfers Buch zu einem echten Genuss macht, ist die normativitätskritische Perspektive, der Sätze wie

Die Abwertung kinderloser Frauen ist Voraussetzung für die Verteidigung des Reproduktionsideals (S. 15)

zu verdanken sind.

Ohne Nietzsches Umwertung der Werte explizit zu thematisieren, wird diese durchaus immer wieder umgesetzt; die Diskriminierung Kinderloser ist immer wieder Gegenstand der Betrachtungen – inklusive der notwendigen Differenzierung nach der Kategorie Geschlecht. So sind beispielsweise Kinderwunschbehandlungen über die Epochengrenzen hinweg in erster Linie Aufgabe der Frau. Kulturelle Spezifika werden bei diesem Approach, den man in Anlehnung an die Amerikanistik als Reading Against the Grain bezeichnen könnte, natürlich keinesfalls ignoriert oder nivelliert. Kinderlosigkeit ist für Toepfer kein biologischer Defekt, analog begreift sie Elternschaft als soziales Modell. In Anlehnung an gegenwartsbezogene sozialwissenschaftliche Theorien wird von Toepfer dementsprechend der Kinderwunsch nicht als Trieb betrachtet, sondern als Konsequenz der binären Matrix, die nicht nur Zwangsheterosexualität, sondern eben auch Zwangsmutterschaft (wie man mit Janice Raymond ergänzen könnte) beinhaltet. Das Konzept der Un*fruchtbarkeit ist vor allem soziokulturell, historisch und diskursiv bestimmt.

Toepfer befragt eine beeindruckende Anzahl Stimmen aller Epochen und konstatiert, dass zwar immer wieder reproduktionskritische Töne laut werden, seit der Reformation aber klar die Pronatalisten tonangebend sind. Die kinderbesitzende Mehrheitsgesellschaft etabliert sich als die Norm, Kinderlose werden dadurch zum Anderen, zum Anormalen, sie werden marginalisiert.

Man könnte viel schreiben über die Genauigkeit, mit der Toepfer fertilitätsfördernde Methoden vergleicht und beispielsweise moderne Kinderwunschkliniken als säkulare Variante des Glaubens an den biblischen Erlösergott betrachtet. Was im Mittelalter von Gott erfleht wurde, wünschen sich Kinderlose heutzutage vom Fertilitätskapitalismus, der, wie Toepfer anmerkt, in erster Linie ein Phänomen der herrschenden Oberschicht westlicher Industrienationen ist. Positiv fällt in diesem Kontext überdies auf, dass Leihmutterschaft, die Radikalfeministinnen nicht umsonst mit Prostitution vergleichen, angemessen problematisiert wird. Wie fanatisch manche Wunscheltern handeln, wird ebenfalls dargestellt. Im Mittelalter und in der Neuzeit gibt es Menschen, die sich vom Kinderwunsch so sehr vereinnahmen und determinieren lassen, dass sie blind werden für alle(s) andere(n).

Kinderfreie Frauen gab es bereits im Mittelalter. Bei ihnen waren es oft religiöse Gründe (nicht wie heute z.B. ökologische), die zu dieser Entscheidung führten. Was sich erhalten hat, ist die Durchsetzung dieses Wunsches gegen ganz erhebliche Widerstände des Systems, das von Frauen normenkonformes Verhalten fordert. In mittelalterlichen Legenden gelten kinderfreie Frauen oft als bedrohlich, da sie das Patriarchat destabilisieren – und genau das trifft auch heute noch zu!

Das enthusiasmierendste Kapitel in Toepfers Werk ist das zwölfte und somit letzte, die Höfische Liebe, welches Perlen beinhaltet wie:

Am Hof des idealen Königs gibt es keine schreienden Babys, keine stillenden Mütter und keine badenden Väter. (S. 384)

Oder:

Sexualität ist in der passionierten Liebe immer Selbstzweck und nie nur Mittel zur Reproduktion. (S. 369)

Die Autorin bezieht die moderne Glücksforschung mit ein, wobei man noch den englischen Professor Paul Dolan erwähnen könnte, der ja mit seiner Feststellung, dass kinderlose, unverheiratete Frauen die glücklichste gesellschaftliche Gruppe wären, europaweit die Gemüter erhitzte.

Die Glücksforschung erkennt, dass es selbstbewussten, glücklichen Leuten leichtfällt, kinderlos zu bleiben, weil es sie wenig kostet, gegen den Mainstream und somit das traditionell-konservativ-bürgerliche Familienmodell zu rebellieren.

Im Epilog widmet sich Toepfer einer Kampagne des italienischen Gesundheitsministeriums, das Frauen zur Reproduktion animieren möchte, indem ihre Panik vor dem Alter und dem damit einhergehenden Fruchtbarkeitsverlust gezielt geschürt wird. Nun, Gianna Nannini wurde eigenen Angaben zufolge mit 50+ auf natürlichem Weg schwanger. Die Sängerin wies darauf hin, dass das im Süden nichts Besonderes wäre, was korrekt ist. Auch einer Perserin passierte das – mit Ende 50. Es passt zu unserer misogynen Welt, dass solche Frauen scharf kritisiert werden, wohingegen Väter mit 60, 70 oder gar 80 nicht annähernd solchen Gegenwind aushalten müssen. Zudem sind Spekulationen über die „Natürlichkeit“ des Vorgangs in Bezug auf Frauen deutlich abwertender als ihre männlichen Pendants betreffend. Zumindest einen Satz, dass das Degradieren von Frauen zu menschlichen Inkubatoren in erster Linie die Domäne rechter Parteien ist – in Italien prominent durch Matteo Salvini verkörpert – wünscht man sich schon.

Das Buch Kinderlosigkeit stellt einen der wertvollsten und einzigartigsten Beiträge zur aktuellen Un*fruchtbarkeitsdebatte dar.

Wunschlos glücklich sind in den mittelalterlichen Romanen jene, die sich über das Thema Un*fruchtbarkeit überhaupt keine Gedanken machen. (S. 362)

 

Regina Toepfer: Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter.
J.B. Metzler, Stuttgart 2020
510 Seiten, 29.99 EUR
ISBN 978-3-476-05674-0

 

“Heia, mein Blut! Lustig nun fließe!”

Man könnte es sich einfach machen und alles auf die Biologie schieben, aber analog zu den Frauen, die sich einbilden, eine Uhr ticken zu hören, gibt es auch Männer, die dem Reproduktionstrieb stärker unterworfen sind als andere…

Angeblich, so hört man immer wieder mal, ist es ja auch und gerade die monatliche Blutung, die Frauen so sehr an ihre Biologie erinnere. Über die Periode ist viel geschrieben worden. Was in England vor allem früher noch als the curse galt, ist spanischen Performance-Künstlerinnen Aktionen wert: weiße Hose mit großen roten Flecken… Die Sichtbarkeit der Periode ist das Ziel. Die Befreiung von Scham. Als unrein gilt die menstruierende Frau in Vergangenheit und Gegenwart diversen Kirchen… Das sagt wieder mal alles. Durch den Blutverlust hat sie sich ja aufmüpfig gezeigt, indem sie sich nicht schwängern ließ, wie brave Frauen das tun, um viele weitere Anhänger*innen der jeweiligen Religion zu produzieren…

Die Spanierinnen haben einen guten Anfang gemacht. Auf diesem Weg muss man weitergehen und sich freuen, dass man es wieder einen Monat geschafft hat, nicht schwanger zu werden. Das muss gefeiert werden!

Natürlich ist es nicht so einfach, etwas zu zelebrieren und positiv zu sehen, das einem im ungünstigsten Fall alle möglichen Zustände beschert, aber Schwangerschaft und Geburt sind noch viel schlimmer… Von den folgenden mindestens 18 Jahren ganz zu schweigen…

Auf jeden Fall muss auch hier eine Umwertung der Werte her. Der Blutfluss empowert, nicht der runde Bauch!

Un mare di sangue, ein Meer von Blut, das singt schon Nabucco in der gleichnamigen Verdi-Oper… Und es ist die schreckliche Drohung eines Diktators, der am Ende durchdreht. Vergossenes Blut assoziiert jeder mit Krieg, Menstruationsblut wird traditionell sexistisch eher mit Unreinheit in Verbindung gebracht. Fast immer ist Blut so negativ konnotiert…

Auch wenn man kein Fan ist vom Blut-Aktionskünstler Hermann Nitsch, kann man aber eine positivere Beziehung zum Blut allgemein und vor allem natürlich zu dem, das weibliche Körper einmal pro Monat verlieren, aufbauen – und sollte das auch. Kann das klappen, gerade als kinderfreie Person? Erinnert einen nicht diese Blutung an die Kreatürlichkeit? Schon, aber das tun Kinderwägen auf der Straße auch und tausend andere Dinge…

Wir sind mit diesem Anachronismus geschlagen, also sollte man gerade fokussieren, dass man ihn nicht dazu benutzen muss, um sich auf seine Eierstöcke und Gebärmutter reduzieren zu lassen und dem Patriarchat als menschlicher Inkubator zu dienen!

Zumal die Zeitspanne absehbar ist… Frauen in Persien beispielsweise fangen früher an und hören später auf, da hat man es als deutsche Frau ohnehin viel besser. Man kann Geschichten lesen, in denen die Menstruation positiv konnotiert ist, man kann sich auch der Symbolik der roten Farbe erinnern…

Aber genauso wenig wie ich glaube, dass der Besitz eines Penis zu bestimmten Verhaltensweisen führen muss, genauso wenig glaube ich an alle anderen biologistischen Deutungsmuster. Wir haben es hier mit sozial konstruierten, politischen Schemata zu tun.

Den Frauen wird von allen Seiten eingeimpft, nur als Mutter eine komplette, vollwertige Frau zu sein. Das haben die meisten verinnerlicht. Und natürlich leiden solche Frauen dann, wenn sie beispielsweise mit einem Reproduktionsverweigerer zusammenleben.

NEUES Buch ab 4. März 2020: Die Childfree-Rebellion – Warum »zu radikal« gerade radikal genug ist

Verena Brunschweiger

Die Childfree-Rebellion

Warum »zu radikal« gerade radikal genug ist

160 Seiten, 14,5 x 20,5 cm, Klappenbroschur
ISBN 978-3-96317-196-3 (Print)
16,00 € (Print)
ISBN 978-3-96317-718-7 (ePDF)
12,99 € (ePDF)
ISBN 978-3-96317-730-9 (ePUB)
12,99 € (ePUB)

© Büchner-Verlag, Marburg, erscheint am 4. März 2020.

Für alle, die nicht damit rechnen dürfen, ein neues Wundermedikament zu entdecken oder als Heldin in die Geschichte einzugehen, verheißt Elternschaft den vermeintlich nachhaltigsten Weg, sich der Weltgeschichte einzuschreiben. Was einem selbst nicht gelungen ist, soll der Nachwuchs schaffen. Die Idee des »eigen Fleisch und Blut« hat vor allem in Deutschland Konjunktur, obwohl sie zuweilen gleich mehrfach kollidiert: mit den eigenen Ansprüchen an ein emanzipiertes Leben, der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung, der permanenten Überlastung der Ressourcen ebendieser Welt.

Verena Brunschweiger hat mit ihrem Manifest »Kinderfrei statt kinderlos« im Frühjahr 2019 eine feministische und ethische Lanze für die Kinderfreiheit gebrochen und das Thema des freiwilligen Verzichts auf Kinder sehr erfolgreich erstmals auf die deutsche Agenda gesetzt. In ihrem neuen Buch beschäftigt sie sich mit den Erregungsausschlägen der Debatte, setzt sich mit den häufigsten Missverständnissen auseinander und zeigt darüber hinaus auf, wie viele Anknüpfungspunkte es für die Ideen einer umweltsensiblen Lebensplanung bereits gibt – nicht nur in Deutschland, sondern überall in der Welt.

Ein gesondertes Kapitel befasst sich mit der Perspektive von Männern auf das Thema der Kinderfreiheit – eine Gruppe, die ihre Stimme in der Debatte erstaunlich oft zu Gehör brachte.

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