“Heia, mein Blut! Lustig nun fließe!”

Man könnte es sich einfach machen und alles auf die Biologie schieben, aber analog zu den Frauen, die sich einbilden, eine Uhr ticken zu hören, gibt es auch Männer, die dem Reproduktionstrieb stärker unterworfen sind als andere…

Angeblich, so hört man immer wieder mal, ist es ja auch und gerade die monatliche Blutung, die Frauen so sehr an ihre Biologie erinnere. Über die Periode ist viel geschrieben worden. Was in England vor allem früher noch als the curse galt, ist spanischen Performance-Künstlerinnen Aktionen wert: weiße Hose mit großen roten Flecken… Die Sichtbarkeit der Periode ist das Ziel. Die Befreiung von Scham. Als unrein gilt die menstruierende Frau in Vergangenheit und Gegenwart diversen Kirchen… Das sagt wieder mal alles. Durch den Blutverlust hat sie sich ja aufmüpfig gezeigt, indem sie sich nicht schwängern ließ, wie brave Frauen das tun, um viele weitere Anhänger*innen der jeweiligen Religion zu produzieren…

Die Spanierinnen haben einen guten Anfang gemacht. Auf diesem Weg muss man weitergehen und sich freuen, dass man es wieder einen Monat geschafft hat, nicht schwanger zu werden. Das muss gefeiert werden!

Natürlich ist es nicht so einfach, etwas zu zelebrieren und positiv zu sehen, das einem im ungünstigsten Fall alle möglichen Zustände beschert, aber Schwangerschaft und Geburt sind noch viel schlimmer… Von den folgenden mindestens 18 Jahren ganz zu schweigen…

Auf jeden Fall muss auch hier eine Umwertung der Werte her. Der Blutfluss empowert, nicht der runde Bauch!

Un mare di sangue, ein Meer von Blut, das singt schon Nabucco in der gleichnamigen Verdi-Oper… Und es ist die schreckliche Drohung eines Diktators, der am Ende durchdreht. Vergossenes Blut assoziiert jeder mit Krieg, Menstruationsblut wird traditionell sexistisch eher mit Unreinheit in Verbindung gebracht. Fast immer ist Blut so negativ konnotiert…

Auch wenn man kein Fan ist vom Blut-Aktionskünstler Hermann Nitsch, kann man aber eine positivere Beziehung zum Blut allgemein und vor allem natürlich zu dem, das weibliche Körper einmal pro Monat verlieren, aufbauen – und sollte das auch. Kann das klappen, gerade als kinderfreie Person? Erinnert einen nicht diese Blutung an die Kreatürlichkeit? Schon, aber das tun Kinderwägen auf der Straße auch und tausend andere Dinge…

Wir sind mit diesem Anachronismus geschlagen, also sollte man gerade fokussieren, dass man ihn nicht dazu benutzen muss, um sich auf seine Eierstöcke und Gebärmutter reduzieren zu lassen und dem Patriarchat als menschlicher Inkubator zu dienen!

Zumal die Zeitspanne absehbar ist… Frauen in Persien beispielsweise fangen früher an und hören später auf, da hat man es als deutsche Frau ohnehin viel besser. Man kann Geschichten lesen, in denen die Menstruation positiv konnotiert ist, man kann sich auch der Symbolik der roten Farbe erinnern…

Aber genauso wenig wie ich glaube, dass der Besitz eines Penis zu bestimmten Verhaltensweisen führen muss, genauso wenig glaube ich an alle anderen biologistischen Deutungsmuster. Wir haben es hier mit sozial konstruierten, politischen Schemata zu tun.

Den Frauen wird von allen Seiten eingeimpft, nur als Mutter eine komplette, vollwertige Frau zu sein. Das haben die meisten verinnerlicht. Und natürlich leiden solche Frauen dann, wenn sie beispielsweise mit einem Reproduktionsverweigerer zusammenleben.

NEUES Buch ab 4. März 2020: Die Childfree-Rebellion – Warum »zu radikal« gerade radikal genug ist

Verena Brunschweiger

Die Childfree-Rebellion

Warum »zu radikal« gerade radikal genug ist

160 Seiten, 14,5 x 20,5 cm, Klappenbroschur
ISBN 978-3-96317-196-3 (Print)
16,00 € (Print)
ISBN 978-3-96317-718-7 (ePDF)
12,99 € (ePDF)
ISBN 978-3-96317-730-9 (ePUB)
12,99 € (ePUB)

© Büchner-Verlag, Marburg, erscheint am 4. März 2020.

Für alle, die nicht damit rechnen dürfen, ein neues Wundermedikament zu entdecken oder als Heldin in die Geschichte einzugehen, verheißt Elternschaft den vermeintlich nachhaltigsten Weg, sich der Weltgeschichte einzuschreiben. Was einem selbst nicht gelungen ist, soll der Nachwuchs schaffen. Die Idee des »eigen Fleisch und Blut« hat vor allem in Deutschland Konjunktur, obwohl sie zuweilen gleich mehrfach kollidiert: mit den eigenen Ansprüchen an ein emanzipiertes Leben, der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung, der permanenten Überlastung der Ressourcen ebendieser Welt.

Verena Brunschweiger hat mit ihrem Manifest »Kinderfrei statt kinderlos« im Frühjahr 2019 eine feministische und ethische Lanze für die Kinderfreiheit gebrochen und das Thema des freiwilligen Verzichts auf Kinder sehr erfolgreich erstmals auf die deutsche Agenda gesetzt. In ihrem neuen Buch beschäftigt sie sich mit den Erregungsausschlägen der Debatte, setzt sich mit den häufigsten Missverständnissen auseinander und zeigt darüber hinaus auf, wie viele Anknüpfungspunkte es für die Ideen einer umweltsensiblen Lebensplanung bereits gibt – nicht nur in Deutschland, sondern überall in der Welt.

Ein gesondertes Kapitel befasst sich mit der Perspektive von Männern auf das Thema der Kinderfreiheit – eine Gruppe, die ihre Stimme in der Debatte erstaunlich oft zu Gehör brachte.

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