NEUerscheinung im September 2021: Fuck Sexism

NEUerscheinung im September 2021: Verena Brunschweiger – Fuck Sexism

Erscheint im September 2021

Verena Brunschweiger

Fuck Sexism

Ageism, Lookism und Slutshaming. Polyamorie

166 S. | Softcover | 12,5 x 19 cm | ISBN 978-3-946193-36-4 | 16€ | E-Book 13€

Die Kritik am Sexismus ist so notwendig wie schon immer, aber
bedeutet weit mehr als üblicherweise erkannt. In diesem Essay verbindet die Bestsellerautorin, bekannteste Radikalfeministin und
Antinatalistin der jüngeren Generation die Analyse mehrerer Formen sexueller Diskriminierung mit einer positiven Hervorhebung neuer Lebens- und Liebesmodelle und einem offensiven positiven Körperbewusstsein von Frauen.

Dieses Buch schafft auf einzigartige Weise die Verknüpfung von
feministischer Theorie, Lessing, Shakespeare und der Bedeutung von ‚Baggy Jeans‘, verbindet Geistes- und Kulturgeschichte und intellektuellen Esprit mit alltagskulturellen Phänomenen im Kampf
gegen den ubiquitären Sexismus.

 

Dr. phil. Verena Brunschweiger ist Mittelalterforscherin, Germanistin, Anglistin, Philosophin, public intellectual und unterrichtet seit 16 Jahren. Bis März 2020 war sie
nebenbei Sängerin im Extra-Chor an einem Stadttheater. Was die Krise ihr nicht nehmen konnte, ist ihr witziger und scharfer Schreibstil, wo jede Seite Lust auf die nächste macht.

Für die Presse:

Beim Verlag gibt es ab Ende August 2021 kostenlose Exemplare für Rezensent*innen. Für Interviews steht Verena Bruschweiger jederzeit zur Verfügung, Anfragen können Sie direkt an den Verlag richten, info@editioncritic.de oder telefonisch (siehe Kontakt).

Bezüglich der letzten Buchpublikationen und feministischen Aktivitäten von Verena Brunschweiger gab es zum Beispiel am 19. August 2021 im Deutschlandfunk eine Sendung von Elise Landschek, die man hier nachhören oder lesen kann.

Wir freuen uns auf Ihre Bestellungen, Anfragen und auf die Diskussion des Buches.

Und etwas ratlos bleibt man zurück …

Günther Bärnthaler stellt mit „Fragen an Hagen: Wege zum ‚Nibelungenlied‘ für jugendliche Schülerinnen und Schüler“ ein neuartiges mediävistisches Unterrichtsprojekt vor

Von Verena BrunschweigerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Verena Brunschweiger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vielversprechend beginnt Günther Bärnthalers umfangreiches Werk. Drei Zitate rücken bereits Phänomene in den Fokus, die jede*r kennt, die/der sich schon einmal mit dem Nibelungenlied beschäftigt hat in der Absicht, es Lernenden nahezubringen: Zwei Schülerinnen äußern sich über den Text – eine positiv, die andere negativ, und der Schriftsteller Helmut Krausser exkulpiert all jene, die ebenfalls der Ansicht sind, man dürfe oder solle sich trotz der Kontamination durch die Nazis immer noch mit dieser Dichtung auseinandersetzen.

Als Beamtin/Beamter ‚darf‘ man an sich recht wenig, insofern erübrigt sich die Frage, ob man sich mit bestimmten Kulturgütern beschäftigen möchte oder nicht – persönliche Befindlichkeiten werden dabei abgetan, egal ob man Gewährsleute wie Susan Sontag anführen kann oder nicht, welche völlig zurecht die Verwandlung der Individuen in eine gesichtslose Masse als eins der zentralen Charakteristika faschistischer Ästhetik bezeichnet.

Bärnthaler deckt in Fragen an Hagen etliche interessante Aspekte zu diesem Thema ab, die man in der Tat auch mit erwachseneren Lernenden besprechen könnte. Es geht um Umberto Ecos Ur-Faschismus, „der Heroismus zur Norm erhebe und im Tod die ersehnte Belohnung für ein heroisches Leben sehe“. Die nationalistische Rezeption der Nibelungen wird vor allem unter Berücksichtigung ikonografischer Zeugnisse beleuchtet. Siegfried im Nibelungenlied jedoch ist „höfischer Modellritter und gleichzeitig archaischer Held der Anderswelt“ und besticht durch Mut, Kraft, kämpferische Fähigkeiten – und durch Schönheit. Noch heute enthusiasmiert ein großer, blonder, blauäugiger Rúrik Gíslason Fans, Jury und Kolleg*innen bei Let’s Dance eben nicht nur aufgrund seiner tänzerischen Leistungen.

Es gibt in Bärnthalers Buch ein Vorwort, aber kein Nachwort. Die Ausführungen enden daher sehr abrupt, es folgen Diagramme, Tabellen und Literaturangaben. Der stets gleiche Aufbau des Hauptteils ermüdet nach ein paar hundert Seiten dann doch: Der Inhalt einer Aventiure wird jeweils enorm ausführlich wiedergegeben; es folgen die Lernziele, die jedes Mal vor allem aus „[B]eschreiben, [A]nalysieren und [I]nterpretieren“ bestehen. Im Anschluss finden sich Aufgabenstellung und Hypothese, die Materialien und abschließend ein mediävistischer Kommentar.

Jede Figur wird unter Berücksichtigung bestimmter Kriterien abgeklopft, wobei deren Auswahl oder zumindest Gewichtung bisweilen seltsam anmutet, so zum Beispiel „3.1 Wer ist Kriemhild?“ und „3.1.1 Thema Mutter und Kind“. Abgesehen von der Figurenanalyse werden nur zwei weitere Punkte genannt: die Nibelungen als ‚Barbaren‘ sowie die Hyperbolik, welche die Dichtung auszeichnet. Dies steht im Widerspruch zur Alterität, die zuvor noch explizit betont wird. Allgemeine didaktische Grundsätze werden breit ausgeführt, wobei die Wichtigkeit subjektiver Bedeutsamkeit von Lerninhalten aller Art bereits hinlänglich bekannt ist – auch und gerade in Bezug auf das Nibelungenlied.

Zuerst lässt Bärnthaler seine 21 Schüler*innen Fragen an die Figuren formulieren und konstatiert: „Ihre Involviertheit mit Figuren, die im NL vorkommen, hängt anscheinend kaum von der Übereinstimmung mit deren Geschlecht ab, jene der Schüler hingegen deutlich.“ Einen Kommentar zu diesem Befund hätte man schon erwarten können, zumal durchaus immer wieder betont wird, dass gerade die Tatsache, dass wir es mit einem kanonischen Werk zu tun haben, für manche Schüler*innen einen gewissen Motivationsgehalt hat. Gerade die Mädchen sind es eben gewohnt, sich mit den männlichen Protagonisten kanonischer Lektüren auseinanderzusetzen. Implizit ist der unmarkierte Mensch immer noch ein Mann.

Etliche qualitative Einzelinterviews sind vollständig abgedruckt. Die Jugendlichen arbeiten zumeist in Kleingruppen, die Methode LdL (Lernen durch Lehren) kommt dabei ebenfalls zum Einsatz. Im Kontext der Anderswelt bespricht Bärnthaler diverse Riesen, Zwerge und Drachen, wobei auch Konrad von Megenberg, dessen 700. Geburtstag 2009 noch fulminant kommemoriert wurde, Erwähnung findet.

Ein grundsätzliches Problem ist, dass Bärnthalers Konzept, das er 2013/14 am Salzburger Bundesrealgymnasium durchgeführt hat, auf ältere Schüler*innen (zehnte Jahrgangsstufe) zugeschnitten ist, wohingegen das Nibelungenlied in Bayern und anderen deutschen Bundesländern lediglich im Lehrplan der siebten Jahrgangsstufe auftaucht. Insofern ist das vorliegende Buch nur bedingt hilfreich für hiesige Lehrkräfte, nicht nur, was das erforderliche Reflexionsniveau betrifft, sondern auch bezüglich so mancher Zusatzmaterialien. Beispielsweise bezieht Bärnthaler immer wieder ikonografische und filmische Darstellungen mit ein, die „einen liegenden nackten Mann“ zeigen – in der siebten Klasse nur empfehlenswert, wenn man auf ein paar Minuten Unterrichtszeit verzichten will.

Manches Mal scheint zudem eine betrübende Misogynie am Horizont auf. Muss man eine gemalte Kriemhild wirklich als „extrem schlanke, leichenblasse Frau“ beschreiben? Lookism ist ein Problem, dem man nicht unbedingt in dieser Form Vorschub leisten sollte, vor allem da diese Aussage sekundiert wird durch ein grauenhaftes Zitat von Jan-Dirk Müller: „die sexuelle Unterdrückung und frustrierte Sexualität der mädchenhaften femme fragile“. Und auf der letzten Textseite findet sich noch folgendes aussagekräftiges Zitat: „Eine besondere Variante der Menschenverachtung realisiert Kriemhild schließlich, indem sie ihr (einziges) Kind, Ortlieb, ihrer Rache opfert.“

Epochenübergreifend mag vielleicht das Beweihräuchern schlanker, goldlockiger Jünglinge sein, epochenübergreifend ist aber leider ebenfalls das Abwerten von Frauen, die ihrer angeblichen biologischen Programmierung zuwiderhandeln, indem sie entweder keine Mütter oder zu nicht angepassten Müttern werden oder aber Rache nehmen. Dieses Problem scheint auch in Bärnthalers Text immer wieder auf, obwohl gerade die Lektüre des Nibelungenliedes einen geeigneten Rahmen schaffen könnte, um diesen wie auch andere Stereotypen angemessen dekonstruieren zu können. In diesem Sinne liefert Fragen an Hagen dem Titel gemäß zwar mehr Fragen als konkrete Antworten, aber vermag es doch zumindest, Lehrer*innen zur kreativen Auseinandersetzung mit diesem grundlegenden mittelhochdeutschen Werk im Deutschunterricht anzuregen.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Kinderlos oder kinderfrei? Eine radikalfeministische Lektüre des Tösser Schwesternbuchs

 

 

„Schon zu ihrer Zeit waren die Mystiker, insbesondere aber die Mystikerinnen, auffällig und marginalisiert“[1] – genau wie im Jahr 2021 kinderfreie Frauen.

Tatsache ist, dass Frauen, die sich außerhalb des Normbereichs bewegen, egal, ob es sich um Nonnen, Prostituierte, glückliche Nicht-Mütter oder sonst irgendwie aus der Art gefallene handelt, in der Gegenwart nicht minder diskriminiert, stigmatisiert und pathologisiert werden als im Mittelalter.[2] Jegliches Reproduktionskonzept besteht zwar prinzipiell aus einem ganzen Bündel diskursiver, historischer und soziokultureller Parameter, dennoch staunt man nicht schlecht, wenn man 2019 ein Buch zum Thema Kinderfreiheit aus ökologischen, radikalfeministischen und philosophischen Gründen schreibt, nur um sich binnen kürzester Zeit auf dem medialen Scheiterhaufen wiederzufinden, kräftig befeuert durch Möchtegern-Gutmenschen aller Couleur (allen voran leider hochgradig affirmative Kolleg*innen aus diversen Bildungseinrichtungen). Scheinbar halten sich bestimmte Vorstellungen, was normkonformes weibliches[3] Verhalten angeht, über die Jahrhunderte besonders hartnäckig.

So widmet sich der vorliegende Beitrag dem Phänomen der Kinderfreiheit in der Gegenwart und im Mittelalter, konkret dem um 1340 entstandenen Tösser Schwesternbuch mit seinen 34 Viten. Inwiefern etwaige psychische Eigenheiten der Schwestern eventuell auch mit Kinderlosigkeit zu tun haben, wie in der Forschung bisweilen insinuiert wird, soll hier erhellt werden. Schließlich gab es im Spätmittelalter ebenso wie im Jahr 2021 Frauen, die sich nicht in althergebrachte Rollenkorsette pressen ließen, dies aber schlecht zugeben konnten und sich daher zum Teil in einen ausgeprägten Eskapismus flüchteten.

 

„Wenn man sich überhaupt darauf einläßt (sic!), heutige klinisch-pathologische Kategorien zur Beschreibung historischer Phänomene einzusetzen, muß (sic!) betont werden, daß (sic!) mittelalterliche Mystiker den Borderline-Persönlichkeiten erheblich näherstehen als den Hysterikern.“[4] Als dritte mögliche Diagnose nennt FRENKEN die Dissoziative Persönlichkeitsstörung, die man stellen könnte, wenn man über Mystiker – oder mehrheitlich ja gerade eben: Mystikerinnen – des Mittelalters schreibt.

N.B. Eine dissoziative Persönlichkeit weisen auch ca. 90 Prozent aller heute prostituierten Frauen auf…[5]

Wenn man mit Walter BENJAMIN der Ansicht ist, dass Historiker*innen stets die Konstellation erfassen, in die ihre eigene Epoche mit einer bestimmten früheren getreten ist, ist ein derartiger Ansatz nicht ohne Legitimität[6].

Zu fragen ist aber nun m. E. gerade nicht, inwieweit man einzelne der präsentierten Schwestern als psychisch gestört, sondern vielmehr als Feministinnen avant la lettre klassifizieren kann.

„Selten wird die Kombination von völlig unzureichenden mütterlichen Fähigkeiten und den gleichzeitigen Wünschen nach Versorgung durch himmlische Ersatzobjekte prägnanter formuliert als von Adelhait.“[7]  Hier ist sie wieder einmal und immer noch, die misogyne Brille der heutigen Forscher, die viele partout nicht abnehmen wollen. Und die ist klar vorhanden, wenn man pauschal allen Mystikerinnen traumatische Kindheitserinnerungen andichtet. Libidinöse und aggressive Emotionen hätten sich bei diesen angestaut, Ängste müssten reduziert werden und somit würden aus phantasierten Kindern „Objekte der Äußerung und Befriedigung von Wünschen nach Versorgung (Umkehr-Reaktion) und auch von körperlich-sexuellen Bedürfnissen (Pädophilie).“[8] Dazu passt, dass es seiner Ansicht nach in den (Auto-)Biographien „Hinweise auf infantizide Impulse der Eltern, aber auch der Mystiker selbst“[9] gebe.

Auch der Kunsthistoriker Bernd SCHMIDT[10] stößt mit Verve in eben dieses Horn: die mittelalterlichen Mystikerinnen sind für ihn psychisch kranke Frauen, deren Leiden (Askesepraktiken etc.) und Leben keinen Sinn hatte. Er gießt ätzendes Pseudo-Mitleid über ihnen aus, genau wie die Männer, welche die im Jahr 2021 lebenden kinderfreien Frauen ,bemitleiden‛.

Von etlichen männlichen Forschern wird auch wild spekuliert, welche Nonne als eigentlich abstinente Jungfrau in ihrer ach so reizarmen Umwelt überhaupt jemals einen Orgasmus erlebt oder masturbiert hat – und das hat schon einen extrem unangenehmen Beigeschmack, den man nicht durch psychohistorisches Interesse eskamotieren kann. Dieser Forschung ist eine ausgeprägte machistisch-voyeuristische Tendenz eigen.

Zum Glück gibt es auch andere Stimmen, die sogar explizit davor warnen, diverse Sachverhalte „durch einen Hinweis auf eine präsumptiv sanftere Vorstellungswelt der Frauen zu entkräften, die ja im Spätmittelalter nahezu alle „Visionäre“ stellen: die „paupercula mulier“ etwa erzählt, wie einem Sünder geschmolzenes Gold in den Mund gegossen wird“[11]. Andererseits enttäuscht auch Peter DINZELBACHER immer wieder profund, wenn er von der angeblich masochistischen Sexualität der Passionsmystikerinnen spricht oder ebenfalls zugrunde liegende psychische Erkrankungen vermutet. Gerade er reitet nicht konstant die hohen Wellen der Misogynie, sondern erkennt sehr wohl auch emanzipatorisches Potenzial, das den Visionärinnen eignet, was im Verlauf dieses Aufsatzes noch an konkreten Beispielen veranschaulicht wird.

Elsbeth Stagel selbst wird in der Vorrede als spiegel aller tugenden[12] bezeichnet, die auch die entsprechenden kognitiven Fähigkeiten mitbringt, die eine totale Ausrichtung auf hohe geistliche Dinge erlauben. Weltliche, süntliche üppige sachen, do mit sich manger mentsch saumet seiner ewigen selikeit[13] interessieren sie nicht, da sie einzig und allein nach einem vollkommenen Leben strebt – und das beinhaltet nun mal keine eigenen, leiblichen Kinder, sondern die Fokussierung auf den Herrn im Himmel.

Ganz explizit wendet sie sich an Heinrich Seuse, der sie in anspruchsvollen theologischen Fragestellungen unterweisen soll. Wörtlich bittet Elsbeth ihn, sich von ihrer krancken, zartten, frwlichen natur[14] nicht beeinflussen zu lassen. Hierin lässt sich ein dezidiert ,feministischer‛ Impetus konstatieren und zwar gerade nicht im Sinne des Differenzfeminismus; Elsbeth möchte nicht anders behandelt werden als die Männer. Es ist der Kampf gegen ,antifeministische‛ Klischees, den Frauen im Spätmittelalter ebenso führen müssen wie Studentinnen an amerikanischen Universitäten im 21. Jahrhundert…

Elsbeth betont in ihrer Vorrede, dass Armut, Gehorsam und Reinheit wichtige Tugenden sind, zentrale Komponenten der Ausrichtung auf himmlische Dinge. Estote perfecti ist denn auch der Wahlspruch der Dominikanerinnen, über die sie in ihrem Werk berichtet. Dieses Wort wird in iren hertzen fruchtber[15] – dass so ein hoher Anspruch über dem profanen Ziel eines fruchtbaren Schoßes steht, ist klar. Aber nicht nur in Bezug auf Elsbeth selber lassen sich progressive Tendenzen klar erkennen, auch etliche Mitschwestern weisen mitunter solche Züge auf.

Ita von Sulz, einer Witwe, wird beispielsweise vom Eintritt ins Kloster abgeraten, aber sie setzt diesen Wunsch gegen allerlei Widerstände durch. Ihr erscheint eines Tages auch der Herr als Kind (darauf wird gleich noch Bezug genommen).

Gott als Kind ist ein Bild, das viele Schwestern beschäftigt. Die Frage ist, ob man ihnen deswegen eine psychische Störung attestieren muss, wie eben beispielsweise FRENKEN dies tut, der ihnen allerlei Erkrankungen andichtet. Dass man ein kleines Kind auch ohne jegliche pädophile Neigung auf die glatte Wange küssen kann, ist vielleicht nicht allen klar…

Die Mystik ist eine Option für diejenigen, die eine Art innerer Emigration einem gewöhnlichen Dasein vorziehen. Das Versinken im eigenen Selbst, in der Beziehung zu Gott, kann weitaus erfüllender sein als traditionelle, biologistisch determinierte weibliche Lebensentwürfe. DINZELBACHER spricht explizit von einem „Sehnen nach Selbstverwirklichung“[16] – und das ist schließlich genau der Aspekt, der noch bei den kinderfreien Frauen des 21. Jahrhunderts ganz oben rangiert, wenn es darum geht, warum man sich gegen eigene Kinder entscheidet.

Auch im Jahr 2003 wird noch eine antifeministische Interpretation veröffentlicht, und zwar von Robert Heinrich Oehninger. Auf S. 19 schreibt er im ersten Band seines Werks, dass „Selbstwerdung und Gleichberechtigung“ den Schwestern nicht „unterstellt“ werden dürfen, zumal das doch heutige Begriffe wären. Auf S. 187 aber unterläuft ihm dies gleich doppelt: es wird spekuliert, ob die strenge Zuchtmeisterin, die Adelhaits Kind schlägt, der Mutter nicht gönnt, dass „sie als Ehefrau Liebe erlebt hatte“. Und unten auf dieser Seite behauptet er nonchalant: „Es wäre zu viel gesagt, die Dominikanerinnen zu Töss seien untereinander ein Herz und eine Seele gewesen.“ Diese Methodik ist also plötzlich doch legitim, wenn es darum geht, die Nonnen zu diskreditieren, wenn es um eine positive Darstellung ginge, natürlich nicht… (Aber was will man erwarten von einem Autor, der auf der allerersten Seite seiner Frau Gemahlin dafür Dank sagt, dass sie sich als Sekretärin und Hausfrau benutzen lässt.)

Es wird in der Forschung hin und wieder auch darauf hingewiesen, dass die Schwestern eine erstaunliche Anfälligkeit charakterisiere. Kein Wunder, so der Tenor, da diese verschrobenen Frauen ihren Körper auch ganz gezielt schwächen und quälen. Vorgeblich, um Seine Leiden nachzuempfinden, de facto aber, so die Herren Psychohistoriker, um sich halluzinatorische Zustände abzuringen, die ihrer verqueren Sexualität entgegenkommen.

Offenbar ist es für etliche neuzeitliche Gemüter tatsächlich einfach nicht mehr nachvollziehbar, sich selbst in Askese zu üben, um sich nicht nur in sich selbst zu versenken und zu finden, sondern Gott zu begegnen. Deswegen aber die Schwestern abzuwerten und die Lauterkeit ihrer Motive anzuzweifeln, ist schon grotesk.

Dass Er das beste Objekt für minnende Gefühle ist, da man so nicht Leid und Kummer erntet, sondern große, beständige Freude, manifestiert sich in dem Lied, das Schwester Mezzi Sidwibrin gerne singt. Der himmlische Bräutigam enttäuscht einen eben einfach nie… Es geht um eine Extremform der Liebe, um eine ungeheure Leidenschaft, um die Unwiderstehlichkeit der Liebe, die qua definitionem alles und alle anderen in ihrer Bedeutung reduziert.

Eine auf ein männliches Objekt gerichtete Liebe kann von so unerhörter Kraft sein, dass der Gedanke an Mutterschaft schlichtweg keine Rolle spielt. Kommen Tristan und Isolde (um das bekannteste Liebespaar aus dem Höfischen Roman zu nehmen, das auch außerhalb der Mediävistik bekannt ist) je Kinder in den Sinn? Natürlich nicht, sie sind kinderwunschlos glücklich, da „die Liebe alles absorbiert.“[17] Und wenn man den grandiosesten aller Männer liebt, der über allen anderen steht, kann man da an irgendetwas oder jemand anderen auch nur denken? Eine solche Liebe bedarf nicht eines ,sichtbaren Beweises/Resultats‛, das würde sie vielmehr degradieren. Eine solche Liebe steht absolut und ist sich prinzipiell selbst genug – und das immerfort.

Nicht zuletzt eine sich ausdifferenzierende Stadtkultur fördert natürlich ebenfalls nicht unwesentlich das Selbstbewusstsein der Frauen, gerade derjenigen, die qua Disposition ohnehin nicht zum Gehorsam neigen, wie die bereits erwähnte Schwester Elsbet Schefflin, die ihre Entscheidung für das Kloster gegen erhebliche Widerstände ihrer Familie verteidigen muss. Eine Vereinigung mit Gott in der Seele ist für eine Frau wie Elsbet logischerweise erstrebenswerter und reizvoller als die Mühen profaner Mutterschaft.

Auch Hartmanns von Aue Laudine und Hadlaubs Dame (im Lied II) stehen unter immensem Druck und sollen einen Liebhaber akzeptieren, den sie sich wahrlich nicht selbst ausgesucht haben. Während sich Laudine letztendlich unterwirft, mutiert Hadlaubs Heroine zu „einer ‘gescheiterten’ vagina dentata.“[18]

Den Schwestern den Sinn ihrer Lebensform abzusprechen, mittels dieser Texte gar vor modernen Askeseformen zu warnen, wie dies leider immer wieder geschieht, ist eine wissenschaftliche Unart, der man entschieden entgegentreten muss, wenn man Misogynie und Sexismus nicht nur im Alltag, sondern auch innerhalb von Forschung und Lehre bekämpfen will. Sie erinnert an Diskriminierungen, von denen heutige Dominikanerinnen, die beispielsweise im Habit Bus fahren, berichten. Und an jene, denen allgemein Frauen ohne Kinder oder andere (weibliche) Minoritäten 2021 im Rahmen des gesamtgesellschaftlichen Backlashs wieder vermehrt ausgesetzt sind.

Eine dezidiert feministische Perspektive erachtet Gertrud Jaron Lewis für unabdinglich, wenn man ins Zentrum der Schwesternbücher vordringen möchte. Wie ich ist sie der Ansicht, dass „these works have been the object of scholarly prejudice and misinterpretation.“[19] Auch sie nennt als einen der Gründe, warum sich die Frauen für ein Leben im Kloster entscheiden, explizit „a way of refusing to accept the forms of life traditionally available to them.“[20] In ihrem eminent wichtigen Werk werden zahlreiche interpretatorische Sünden des 20. Jahrhunderts aufgelistet.

Schwester Ofmya von Múnchwil ist so ernsthaft im Gebet, dass sie ihre eigene Mutter, die sie nicht oft im Kloster besucht, warten lässt. Dennoch, wiederum – muss man deshalb dieser Nonne unterstellen, sie hätte ein gestörtes Verhältnis zu den eigenen Eltern, käme aus einer dysfunktionalen Familie? Auch das ist eine Parallele zum Jahr 2021, ebenso wie der fast schon klassische Vorwurf, Nicht-Mütter würden einfach eine Aversion gegenüber Kindern verspüren (weil sie monströse ,Nicht-Frauen‛ sind, sonst wären ihre ,biologischen Instinkte‛ ja intakt…). Schwester Margret Finkin aber unterweist mit Feuereifer Kinder in Latein und Schwester Margret von Zúrich sieht, während sie andächtig weint, den Herrn in Gestalt eines Kindes, was sie ganz enorm tröstet. Damals wie heute sind Frauen ohne Kinder meistens durchaus den Leuten im zarten Alter sogar sehr zugetan und es wäre sogar zu prüfen, inwieweit so manche Geisteshaltung einer Schwester der philosophischen Richtung des Antinatalismus zugeordnet werden könnte, da dieses Konzept schon vor Christi Geburt in unterschiedlichen Texten festgehalten wurde und belesenen Schwestern durchaus bekannt gewesen sein könnte.

Über Schwester Anna von Klingenow lesen wir, dass sie Müßiggang und die Beschäftigung mit vergänglichen Dingen stets hasste. Andechtig und emssig gebett, lesen und latin lernen und wie sy den orden andchteklich behielt: hie mitt bekumret sy sich flissklich.[21]

Das ist doch eine wunderbare Art, seine Existenz sinnvoll und erfüllt zuzubringen… Aber damals wie heute gibt es eben leider Männer, die sich anmaßen, über den Wert eines weiblichen Lebens überhaupt zu urteilen und dann auch noch unter Zuhilfenahme absolut haarsträubender Kategorien, wie das Erfüllen des wirkmächtigsten patriarchalen Imperativs – der Reproduktion.

 

Schwester Mezzi von Klingenberg erblickt ein wunnekliches kindli[22]; so ergeht es auch einer namenlosen, heimatlosen Schwester, die sich durch den Anblick eines Neugeborenen wundersam getröstet fühlt.[23] Solche Fälle häufen sich. Mag sein, dass die Schwestern, die just derartige Visionen erleben, in besonders hohem Maß ihre Kinderlosigkeit zu kompensieren versuchen. Mag sein, dass sie mehr als so manche Mitschwester ihre Sexualität zu verdrängen, zu kanalisieren, zu ,legalisieren‛ suchen. Allerdings hat längst nicht jede Bewohnerin des Klosters Töss solche Gesichte – könnte es sich in diesem Fall um die nicht unerhebliche Gruppe genuin kinderfreier Frauen handeln? Immerhin ist es auch in der Gegenwart so: da gibt es die große Gruppe heterosexueller Frauen, die eine Partnerschaft führen, um einen Vater für ihr Kind zu haben, die kleinere hingegen richtet ihr Sinnen und Trachten auf eine gleichberechtigte(re) Beziehung, die oftmals kinderfrei gestaltet wird.[24]

Ziehen wir eine jeweils kleine Gruppe homosexuell inklinierter oder genuin asexueller Frauen ab, bleibt in etwa eben dieses Verhältnis, das auch im Tösser Schwesternbuch vorliegt, nur invers: eine kleinere Fraktion sieht in ihren Visionen den Herrn als Kind, die größere nicht. Natürlich geht es bei den Schwestern nicht um (aus)gelebte, sondern um imaginierte oder – wenn man denn unbedingt möchte – kanalisierte Sexualität. Und natürlich hat man mit Gott niemals eine gleichberechtigte Beziehung… Der Fokus liegt eher auf der unterschiedlichen Priorisierung, die durch die jeweiligen Schwestern vorgenommen wird; steht der Mann im Vordergrund oder das Kind?

Bei Màchthilt von Stanz ganz klar der Mann: O her min got, nun han ich durch din liebe gelassen alle dise welt und alles das mir ze lieb und ze trost mchte kumen[25]. Und in der Tat, sie wird dafür belohnt, keinen anderen Beistand zu wollen als den seinigen. Er selbst erscheint ihr eines Nachts und teilt ihr mit, dass er allein ihr Tröster sein werde.

Adelhait von Frowenberg als eine der wenigen Mütter in Töss ist nichtsdestotrotz ein interessanter Fall, der kurz Erwähnung finden muss. Sie ist von nobler Abkunft und wird standesgemäß verheiratet, aber ihr größter Wunsch ist es, von dieser Welt loszukommen. Nachdem ihr Gemahl gestorben ist, drängen ihre Leute Adelhait zu einer Wiedervermählung. Die Verwandten liegen ihr unablässig in den Ohren, der Kandidat selbst wirkt angenehm, aber Adelhait schafft es, sich richtig zu entscheiden. Im Kloster kümmert sie sich wenig um ihr eigenes Kind. Sehr sehnsüchtig aber ist sie in Bezug auf das himmlische Kind. Sechs Wochen vor ihrem Tod erfüllt sich einer ihrer innigsten Wünsche und sie bekommt etwas Milch von der Brust, die das heilige Kind gestillt hat. Explizit verrät sie einer Mitschwester, dass dies die Belohnung war für die besondere Liebe, die sie dem Herrn als Kind entgegenbrachte. Mir ist alle die welt in minem hertzen als ain mist, und ssse min ainiger sun for mir, den ich gar lieb hat, und alle die frúnd die ich ie gewan, ich kerte min og dar, das ich sy sch.[26]

Offenbar ist Kind auch nicht gleich Kind… Das frappiert allerdings nur mäßig, da das himmlische Kind sozusagen qua Dienstpflicht von jeder Schwester privilegiert werden muss.

Diese Aussage bringt Adelhait das zu Beginn bereits zitierte Verdikt FRENKENS ein, der sie als Rabenmutter abqualifiziert, als unfähige Mutter hinstellt, die in ihrer Unreife lieber selbst bemuttert werden möchte (in diesem Fall durch das phantasierte himmlische Kind). Womöglich gab es Vorläuferinnen von Regretting Motherhood schon im Spätmittelalter… Wie im Jahr 2021 sieht man im Falle Adelhaits, dass Zwangsmutterschaft eben nicht glücklich macht, nur dass im 14. Jahrhundert klarer ist, worin der Zwang besteht, da sie ja verheiratet und zur Mutter gemacht wird, ohne selbst darauf wirklichen Einfluss nehmen zu können.

Ihr emanzipatorisches Streben schlägt erfolgreich erst durch, als sie sich einer weiteren Eheschließung widersetzt. Adelhait möchte keinen weiteren irdischen Mann, kein weiteres reales Kind, sie möchte sich vielmehr höheren Aufgaben weihen, woran sie sich auch durch den Ballast nicht hindern lassen will, der ihr in der Phase vor dem Klosterleben zuteil wurde. Insofern ist gerade diese Schwester eine sehr progressive Figur, deren Funktion durchaus darin bestehen könnte, anderen (unglücklichen) Müttern zu signalisieren, dass es noch nicht zu spät ist, dass eine Neujustierung des inneren Kompasses immer noch möglich ist.

Und genau das müsste von einem Forscher der Gegenwart gewürdigt werden! Es geht nicht an, die Figur der Adelhait zu diffamieren, um persönliche Befindlichkeiten gegenüber ,schlechten‛ Müttern zu verbalisieren. Das ist eine typisch anti-feministische, patriarchal-herablassende Sichtweise, die in der modernen Sekundärliteratur nichts mehr verloren hat.

Ebenso wenig wie der gesamte Ansatz, praktisch alle Mystikerinnen, von denen die überwältigende Mehrheit keine Kinder hat, zu desavouieren. Eine derartige Negativinterpretation und despektierliche Bewertung wie sie sich bei FRENKEN findet, kann man so keinesfalls stehen lassen. Es ist desaströs genug, dass es 2021 Männer gibt, für die ,gute‛ Frauen nur Mütter sind, und zwar wiederum nur die ,guten‛, aber dass diese Perspektive nonchalant auf mediävistische Forschungsobjekte ausgedehnt wird, ist ein weiteres inakzeptables Skandalon. Solche Herren bemitleiden für gewöhnlich wenigstens die ach so armen kinderlosen Frauen (daher sind ihnen die kinderfreien auch gar so ein Dorn im Auge), aber nicht mal davon eine Spur.

Elli von Ellgù, auch Laienschwester, kommt mit 14 ins Kloster, wo sie 50 Jahre lebt und arbeitet. Bei der Betrachtung der Tösser Schwestern manifestiert sich deutlich ein Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und Langlebigkeit.

Wenn man die durchschnittliche Lebenserwartung mittelalterlicher Frauen erinnert, fällt auf, wie oft vom hohen Alter der Schwestern die Rede ist. Über 70 Jahre alt zu werden, ist im Kloster Töss offenbar keine Besonderheit. Die Geißelungen und Kasteiungen können sich also entgegen der Aussagen diverser Psychohistoriker nicht dermaßen negativ ausgewirkt haben. Wenn sie dann letztendlich in oft ungewöhnlich hohem Alter auf ihrem Sterbebett liegen, wandelt die Schwestern keinerlei Reue an. Sie lebten nach seinem Gebot und erwarten freudig das Eingehen ins himmlische Reich, das eben für die Tösser Nonnen anders als für Beethovens Florestan nicht die Freiheit ist, sondern das Verschmelzen mit Ihm.

Elisabet Bechlin erzählt im reifen Alter von 73 Jahren, dass sie den Herrn als Kind gesehen hatte und küssen durfte. Auch ein zweites Mal, als ihr die Mutter Gottes erscheint, fragt sie sie nach ihrem Kind. Diese erfüllt ihren Wunsch und dis was ain als mineklicher anblik, und aber sunderlich so was im die kel under dem kinn als zart und als mineklich.[27]

Diese Formulierung könnte in der Tat so ausgelegt werden, dass sie auf einen gewissen unerfüllten Kinderwunsch hindeutet. Wie auch schon bezüglich moderner Frauen jedoch konstatiert wurde, ist es aber durchaus möglich, Babys und Kleinkinder reizend zu finden – und dennoch selbst keines (bekommen) zu wollen… Zudem ja noch dazu ein eklatanter Unterschied besteht zwischen einem x-beliebigen Kind und dem himmlischen Kind. Es ist außerdem eine Sache, kurzfristig die Vision eines Kindes aufblitzen zu sehen, aber eine ganz andere, ein Kind aus Fleisch und Blut permanent um sich zu haben. Für Letzteres wäre im Leben der Tösser Schwestern schlichtweg kein Platz.

Elsbeth Stagel verdanken wir eine narrative Auseinandersetzung mit mystischen Erlebnissen von Frauen, deren Biographie nicht der Norm entspricht, womit eine doppelte ,feministische‛ Stoßrichtung festgestellt werden kann.

Erstens handelt es sich um einen der wichtigsten Belege weiblicher Schreibkultur, die in ihren volkssprachlichen Anfängen naturgemäß im klösterlichen Umfeld zu finden ist, wo sich überdurchschnittlich viele gebildete Frauen sammelten. Zweitens ist der Gegenstand gerade des Tösser Schwesternbuchs das gottgefällige Leben, das auf die Verschmelzung mit ihm zielt – und nicht auf banal Irdisches. Eine der notwendigen Voraussetzungen dafür, dass so etwas überhaupt allererst möglich wird, ist die zum Teil ganz vehemente Abwehr der Normbiographie, die so mancher Schwester von ihren Verwandten oktroyiert zu werden droht.

Resümierend kann man konstatieren, dass Kinderlosigkeit im Tösser Schwesternbuch eher eine implizite Rolle spielt. Nicht alle Schwestern sind Nicht-Mütter. Manche erblicken wiederholt das göttliche Kind, was unter Umständen ein verdrängtes Bewusstsein ihrer Kinderlosigkeit symbolisiert, wiederum einige andere lassen durchaus ,radikalfeministisches Potenzial‛ erkennen, da sie in ihrem Streben nach Ihm in keinster Weise abgelenkt werden wollen, weder durch reale Kinder noch durch Seine frühere Erscheinungsstufe.

Keinesfalls allerdings ist es akzeptabel, psychische Störungen bei den Schwestern zu diagnostizieren, wie es leider immer wieder in der Forschung geschieht. Schließlich ist es ein klassisch misogyner Topos, Feministinnen – avant la lettre oder neuzeitlichen – psychische Probleme anzudichten, um ihre Äußerungen, Aktionen und Überzeugungen von Beginn an abzuqualifizieren und rangiert nur knapp über der niveaulosen Diffamierung z. B. ihres Äußeren, um durch infame Ridikülisierung davon abzulenken, dass die Inhalte von sachlich unbestreitbar hoher Relevanz sind.

Das Image der Nonne als graue Maus ist im Volk nach wie vor weit verbreitet. Könnte das auch damit zusammenhängen, dass „Generationen von Historikern entgangen [war], mit welch stolzem Gefühl des Auserwähltseins junge Mädchen zur Ausbildung in den Klöstern antraten. […] Unbeherrschte Ehemänner waren oft so gewalttätig, dass sie ihre Frauen im Zuge ehelicher Züchtigungen schon mal totprügelten, ohne dafür belangt zu werden. Auch die Ausübung eines Berufes ihrer Wahl war Frauen kaum möglich. Im Kloster hingegen erwartete die Mädchen eine Ausbildung“[28]. Dass für kinderfreie Frauen avant la lettre diese Option besonders verlockend war, liegt auf der Hand. „The women portrayed in these texts were intelligent, well-educated, dedicated to their monastic ideal, and are shown living a life of integrity and of a remarkable inner independence.“[29]

Es geht mithin um nichts weniger als die Ehrenrettung kinderloser und vor allem kinderfreier Frauen, ihrer Schriften sowie der Texte über sie – handle es sich nun um Dominikanerinnen des 14. oder um Aktivistinnen des 21. Jahrhunderts.

Dass dies wunderbar zusammen geht, zeigt uns, wie eingangs bereits angedeutet, Walter BENJAMIN, der ja die Vergegenwärtigung der Vergangenheit als interessegeleiteten Akt begreift. Die Gegenwartsperspektive der interpretierenden Person spielt stets eine Rolle.

 

 

Literatur

 

  • Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. 1970 ff.
  • Walter Blank: Die Nonnenviten des 14. Jahrhunderts. Eine hagiographische Studie zur Literatur des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung der Visionen und ihrer Lichtphänomene. 1962.
  • Verena Brunschweiger: Kinderfrei statt kinderlos. Ein Manifest. 2019.
  • : Die Childfree-Rebellion. Warum „zu radikal“ gerade radikal genug ist. 2020.
  • Susanne Bürkle: Literatur im Kloster. Historische Funktion und rhetorische Legitimation frauenmystischer Texte des 14. Jahrhunderts (= Bibliotheca Germanica 38). 1999.
  • Peter Dinzelbacher: Die Gottesgeburt in der Seele und im Körper. In: Thomas Kornbichler/Wolfgang Maaz (Hg.): Variationen der Liebe: historische Psychologie der Geschlechterbeziehungen. Edition diskord. (Forum Psychohistorie, Bd. 4). 1995. S. 94-128.
  • : Die Psychohistorie der Unio mystica. 2001.
  • : Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. (Monographien zur Geschichte des Mittelalters, Bd. 23). 1981.
  • Franziska Dzugan: Nonnen. Warum entscheiden sich junge Frauen für das Kloster? 2014.
  • Melissa Farley: Prostitution and Trafficking in Nine Countries. In: Journal of Trauma Practice, Vol. 2, 2004. S. 33-74.
  • Ralph Frenken: Kindheit und Mystik im Mittelalter. (Beihefte zur Mediaevistik, Bd. 2). 2002.
  • Herbert Grundmann: Religiöse Bewegungen im Mittelalter. 1977.
  • Gertrud Jaron Lewis: By Women for Women about Women. The Sister-Books of Fourteenth-Century Germany. 1996.
  • Robert Heinrich Oehninger: Wir hatten eine selige Schwester. Zürich 2003.
  • Ursula Peters: Religiöse Erfahrung als literarisches Faktum. Zur Vorgeschichte und Genese frauenmystischer Texte des 13. und 14. Jahrhunderts (= Hermaea NF 56), 1988.
  • Siegfried Ringler: Viten- und Offenbarungsliteratur in Frauenklöstern des Mittelalters. 1980.
  • Kurt Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik. 1990-1996.
  • Bernd Schmidt: Mittelalterliche, religiöse Kunst heute. 2009.
  • Frank Thadeusz: Im Ofen der Liebe. Der Spiegel Nr. 2, 4.1.2020. S. 106/107.
  • Regina Toepfer: Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter. 2020.
  • Ferdinand Vetter (Hg.): Das Leben der Schwestern zu Töß, beschrieben von Elsbeth Stagel (Deutsche Texte des Mittelalters 6). 1906.
  • Annette Volfing: Hadlaubs beißende Dame. Minnesang und vagina dentata. In: Sarah Bowden/Nine Miedema/Stephen Mossman (Hg.): Verletzungen und Unversehrtheit in der deutschen Literatur des Mittelalters. (XXIV. Anglo-German Colloquium Saarbrücken 2015). 2020. S. 261-277.

 

 

 

 

 

 

[1] Herbert Grundmann: Religiöse Bewegungen im Mittelalter. S. 330.

[2] Vgl. Verena Brunschweiger: Kinderfrei statt kinderlos.

[3] Gesetzt den Fall, wir wollen uns hier auf die binäre Matrix verständigen.

[4] Ralph Frenken: Kindheit und Mystik im Mittelalter. S. 318.

[5] Vgl. Melissa Farley: Prostitution and Trafficking in Nine Countries.

[6] Vgl. Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Berlin 1970 ff.

[7] Frenken, S. 299.

[8] Frenken, S. 326.

[9] Ebd. S. 329.

[10] Vgl. Bernd Schmidt: Mittelalterliche, religiöse Kunst.

[11] Peter Dinzelbacher: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. S. 120.

[12] Ferdinand Vetter (Hg.): Das Leben der Schwestern zu Töß, beschrieben von Elsbeth Stagel. Vorrede Johannes Meiers.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Vetter (Anm. 18). Vorrede Elsbet Stagels.

[16] Vgl. Dinzelbacher (Anm. 6), S. 234.

[17] Vgl. Regina Toepfer: Kinderlosigkeit. S. 364.

[18] Annette Volfing: Hadlaubs beißende Dame. S. 271.

[19] Lewis (Anm. 25), S. xi.

[20] Lewis (Anm. 25), S. 3.

[21] Vetter (Anm. 18), XI.

[22] Vetter (Anm. 18), XVII.

[23] Vgl. Vetter (Anm. 18), XIX.

[24] Vgl. Verena Brunschweiger: Die Childfree-Rebellion.

[25] Vetter (Anm. 18), XXIV.

[26] Vetter (Anm. 18), XXII.

[27] Vetter (Anm. 18), XXXII.

[28] Frank Thadeusz: Im Ofen der Liebe. S. 107.

[29] Lewis (Anm. 25), S. 285.

Der Weltfrauentag als Anlass, auf ganz perverse Weise den Backlash zu zelebrieren

Von Dr. Verena Brunschweiger, 07. März 2021

Dass man als Frau daheim eingesperrt, vergewaltigt und geschlagen werden kann – seit ca. genau einem Jahr mit voller Billigung durch den Staat – ist eine Sache. Die ebenfalls durch die Maßnahmen bedingte Retraditionalisierung ganz generell eine andere.

Es ist schlichtweg perfide, den 8. März, den Internationalen Frauentag, dergestalt zu missbrauchen, wie das Bücher Pustet Regensburg tut.

Da liegen auf einem Büchertisch zum Thema tatsächlich die drei folgenden Bücher ganz vorn: die Biographien von Cathy Hummels und Michelle Obama und das Machwerk POWER FRAUEN HÄKELN, ein Buch mit 16 Häkelanleitungen.

 

Einen bekannten, reichen Mann heiraten und oder ein bisschen Handarbeit – ist das deren Ernst?!

Bücher Pustet bemüht sich durch diese Auswahl nach Kräften, ein Rollenbild zu promoten, das ungefähr so progressiv ist wie der Muttertag – von den Nazis zwar nicht erfunden, aber nicht umsonst maßlos gehypt.

POWER FRAUEN HÄKELN ist eine Neuerscheinung vom 1. März 2021, die zum aktuellen gesellschaftlichen Klima passt wie Arsch auf Eimer (nein, das muss man leider so vulgär ausdrücken und ja, das DARF man, GERADE als promovierte Germanistin, meine lieben Hate-Stalker!): statt etwas zu tun, damit man eventuell selbst Erfolg hat, reicht es doch auch, die Figürchen, die so beeindruckend sind, einfach nachzuhäkeln, während man seine Kinder daheim betreut, was doch ohnehin viel besser ist. Nicht umsonst wird das Buch folgendermaßen angepriesen:

Perfekt für Mütter, Töchter, Schwestern, Tanten oder Freundinnen und natürlich auch alle Männer, die im Team Girlpower sind!

Das „perfekte Häkelvergnügen“ soll uns davon abhalten, Grundrechte einzuklagen, wirklich interessante Dinge zu lesen oder zu lernen oder anlässlich des Internationalen Frauentags vielleicht sogar derer zu gedenken, die es durch ihr radikalfeministisches Engagement möglich gemacht haben, andere Betätigungsfelder als die Handarbeit für sich zu entdecken.

ICH danke nicht Yvonne Rapp, der Autorin der Häkelanleitungen, auch nicht Frau Merkel, ICH danke Janice Raymond, Gloria Steinem, Sheila Jeffreys und Rebecca Solnit!

Feminist City – oder vielleicht besser Stadt der Frauen?

Leslie Kerns Feminist City als nur partiell genuin feministisches Plädoyer

 

Von Literaturkritik.de zensiert – progressive Kritik am Mainstream unerwünscht

 

Von Verena Brunschweiger

 

Nur eine Mutter darf ihre Brust öffentlich entblößen, ohne gesteinigt zu werden. Bei Nicht-Müttern, die mit tiefem Ausschnitt oder gar ohne BH unterwegs sind, fallen sofort diskriminierende Bemerkungen und Blicke – nicht so bei Stillenden. Dadurch wird die Dichotomie Hure-Heilige natürlich ganz massiv forciert statt abgeschafft. Das ist Leslie Kern nicht so ganz klar. Ebenso wenig, dass Gebären und (die permanent von ihr so bezeichnete) Sexarbeit die zwei wichtigsten Stützpfeiler sind, die das von ihr angeblich kritisierte Patriarchat Tag für Tag re-produzieren.

Aber abgesehen davon beinhaltet das Buch durchaus wertvolle Erkenntnisse und Forderungen, wie man eine Stadt für Frauen lebenswerter gestalten könnte. Wenn man das angesichts exorbitant restriktiver Corona-Maßnahmen denn noch könnte…

Kern schreibt sehr eingängig von typischen Erfahrungen, die wohl tatsächlich jede Frau schon gemacht hat: beispielsweise das leicht mulmige Gefühl, wenn man allein im Dunkeln spätnachts unterwegs nachhause ist und ein Unbekannter hinter einem geht. Die gewöhnliche Stadt wäre eben auf den durchschnittlichen weißen cis-Mann zugeschnitten.

Generell beschreibt die Autorin ihre Arbeit folgendermaßen: Feministische Geografinnen stützten sich „oftmals auf ihre eigenen Erfahrungen, um zu erforschen, wie Geschlechterrollen mit anderen sozialen Ungleichheiten verknüpft sind und welche Rolle der Raum in der Strukturierung von Unterdrückungssystemen spielt.“

Das erklärt wohl, warum relativ wenig Forschungsliteratur vorkommt in Kerns Buch, sondern vor allem persönliche Erlebnisse sowie schon enorm breit ausgewalzte Szenen aus Erzeugnissen der Populärkultur (allen voran: die Serie Sex and the City).

 

„Für viele von uns sickert die Botschaft jedoch eher als intravenöse Infusion in unser Blut, sie breitet sich so kleinschrittig in unseren Systemen aus, dass sie, sobald wir uns ihrer bewusst werden, bereits komplett im Blutkreislauf aufgenommen ist. Sie ist bereits ganz natürlich, selbstverständlich, normal.“

Die Verfasserin schildert, wie sich die weibliche Angst entwickelt – für mich jedoch klappt genauso auch die pronatalistische Indoktrination. Anders kann man sich zumindest nicht erklären, warum sie ernsthaft Sätze wie diesen völlig ironiefrei bringt:

„Dennoch frage ich mich, ist die Flâneuse jemals schwanger oder schiebt sie jemals einen Kinderwagen vor sich her?“

Natürlich nicht, möchte man als echauffierte Leserin rufen, das ist doch gerade die Pointe, eine Flâneuse lässt sich niemals zur Mutter, die mit einem „lauten, stinkenden Baby“ sich und die Umwelt belastet, degradieren. Kern entblödet sich denn auch nicht, zu berichten, wie ein Mann, der ihr mit dem Kinderwagen half, infolgedessen rückwärts die Treppe hinabstürzte.

Dabei gelingt es ihr zumindest, festzustellen, dass Frauen wie sie selbst nicht unerheblich zur Gentrifizierung bestimmter Wohngegenden beitragen und prä-Corona vor allem in Bereichen wie Konsum, Kultur und Entertainment zu finden waren. „Nicht einmal von der archetypischen Vorstadtmutter der 1950er-Jahre wurde erwartet, dass sie ihre Kinder fortlaufend bespaßte.“ Damit ist es jetzt aber ohnehin vorbei, aufgrund der Maßnahmen werden Frauen tatsächlich wieder in die 50er katapultiert.

Kein Wunder also, dass in so einem Buch kinderfreie Frauen kaum vorkommen, Lesben en passant und Seniorinnen fast überhaupt nicht. Schwarze und indigene Frauen sowie Leute, die nicht der Mittelschicht angehören, werden jedoch adäquat in ihre Überlegungen einbezogen.

Ein paar Klischees müssen aber scheinbar doch sein. So fragt Kern, wie eine Stadt „voller Fürsorge“, also in ihren Augen weiblich-feministisch, wohl aussähe.

Barrierefreie Beförderung, bezahlbarer Wohnraum, sichere öffentliche Toiletten (wobei sich die Autorin für die Version ausspricht, die die Benutzung von Damentoiletten durch Trans-Frauen erlaubt – ein feministischer Dauerstreitpunkt) sind zwar keine neuen, aber sicher zeitlos vernünftigen Forderungen – zumal viele Frauen im Trikont davon nach wie vor nur träumen können.

Die schönsten Stellen in Kerns Buch sind zweifellos die Schilderungen diverser Demos, an denen sie teilnahm: Take Back The Night, Slutwalks etc. Absolut treffend und auch jetzt in besonderem Maße virulent ihre Kritik an der Polizei, die eben wahrlich „keine verlässliche Verbündete ist, wenn es darum geht, Gewalt gegen Frauen zu beenden.“

 

Stereotype jeglicher Art, so Kern richtig, verstärken die Angst, die medial noch geschürt wird: nicht nur in Kanada, auch und gerade in Deutschland werden reißerisch Klischees bedient, Frauen wären in der Stadt nicht sicher (Beispiel Flüchtlinge, welche ja nach Ansicht mancher Organe ausschließlich männlich, zwanzigjährig und islamistisch angehaucht sind und aus einem einzigen Grund hierherkommen: um deutsche Frauen zu vergewaltigen). In der heterosexuellen Kleinfamilie hingegen wäre man als Frau sicher. Deutsche Männer sind ja allesamt ganz wunderbar und behandeln ihre Frauen so, dass man sich fragt, wieso überhaupt jemals von häuslicher Gewalt „hier bei uns“ die Rede sein muss…

 

Feminist City beinhaltet zahlreiche interessante Anregungen und korrekte Feststellungen und wenn man sich nicht stört an der Beweihräucherung des Pronatalismus und an der Verharmlosung des patriarchal-kapitalistischen Systems der Prostitution, dann ist dieses Buch eine bereichernde Lektüre, auch in Zeiten, in denen irrationale Ausgangssperren etc. den Frauen jegliche Möglichkeit, öffentliche Räume einzunehmen oder gar zu gestalten, prinzipiell verwehren.

 

Screenshot, https://unrast-verlag.de/vorankuendigungen/feminist-city-detail

 

Leslie Kern: Feminist City.

Aus dem Englischen von Emilia Gagalski

Unrast-Verlag, Münster 2020

192 Seiten, 14.80 EUR

ISBN: 978-3-89771-332-1

 

Leslie Kern ist assoziierte Professorin für Geografie und Ökologie und Direktorin der Frauen- und Geschlechterstudien an der Mount Allison University. Sie lehrt Geografie mit einem Fokus auf urbane, soziale und feministische Bewegungen.

(Quelle: Unrast-Verlag)

 

Es lebe der Backlash!

 

Kinderwunschbehandlungen werden künftig vom Freistaat Bayern finanziert – mit vierstelligen Beträgen PRO PAAR. Eine absolute Katastrophe, ein Schlag ins Gesicht für all die Millionen Kinder weltweit, die bereits existieren und denen es nicht so gut geht, denen man mit diesen Wahnsinnsbeträgen signifikant helfen könnte… Aber warum sollte man afrikanische Kinder vor dem Hungertod oder Krankheiten oder Zwangsverheiratung retten, wenn man mit diesem Geld auch scheinbar wertvollere bayerische Kinder züchten kann?

Dazu passt, dass der Bund das Kindergeld erhöhen und Steuern für Familien senken will – grandiose Idee, es ist schließlich nicht so, dass aufgrund des immer kleineren Lebensraums für Tiere Viren auf den Menschen überspringen… Unserem Planeten geht es so exzellent gut, da kann man schon mal mit voller Kraft voraus in die falsche Richtung fahren, warum denn nicht! Dabei ist es ethisch-moralisch ohnehin immer falsch, jemandem dabei zu helfen, the harm of existence einem unschuldigen Dritten zuzumuten, wenn man den südafrikanischen Philosophen David Benatar fragt.

Auch den Maskenwahnsinn darf man offenbar nur als Elternteil bekämpfen, um der Kinder willen, warum denn auch sonst. Als kinderfreier Mensch kann man sich schon mal für Verbrechen bestrafen lassen, die man nicht begangen hat. Corona-Maßnahmen treffen ja schließlich nur die armen Eltern, Singles oder Senior*innen haben darunter überhaupt nicht zu leiden! Wer braucht schon ein Theater oder eine Kneipe, wenn man daheim mit den Kindern Masken schneidern und den Mädchen das Kochen beibringen kann?

Rollback welcome! Vielen Dank, CSU/CDU! Ich freue mich ungemein auf eine Welt, in der es nur noch Menschen gibt, dumpf-reaktionäre, dafür aber ganz, ganz viele davon!

18.11.2020: Kinderlosigkeit – Traum statt Trauma? Talk-Livestream zur Buchveröffentlichung von Regina Toepfer

Mittwoch, 18.11.2020:

Kinderlosigkeit – Traum statt Trauma?

Traum statt Trauma – so lautet das Glücksversprechen von Kinderwunschzentren. Doch inwiefern ist Elternschaft überhaupt für alle kinderlosen Frauen und kinderlosen Männer erstrebenswert? Gehören Kinder notwendigerweise zu einem erfüllten und sinnhaften Leben dazu, und was bedeutet eine solche Auffassung für Singles, für gleichgeschlechtliche Paare oder überzeugte Nicht-Mütter?

Kinderlosigkeit löst gespaltene Gefühle und Reaktionen aus. Während in Politik und Gesellschaft über eine geringe Geburtenrate geklagt wird, wünschen sich viele Betroffene sehnlichst Nachwuchs. Andere entscheiden sich bewusst gegen ein Kind und manche bereuen gar, Eltern geworden zu sein. Frauen, die keine Kinder haben wollen, gelten als egoistisch; Paare, die keinen Nachwuchs bekommen können, werden zum Arzt geschickt, um sich reproduktionsmedizinisch behandeln zu lassen.

Für die Literaturwissenschaftlerin Regina Toepfer steht fest: Kinderlosigkeit ist kein biologisches Schicksal, sondern sozial und kulturell geprägt. Was politisch als Problem beurteilt wird, kann religiös oder ökologisch als Ideal erscheinen. In ihrem Buch “Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter” (2020) zeigt sie, dass die Kinderfrage in Vergangenheit und Gegenwart viele verschiedene Facetten hat.

Abseits von Stereotypen will der Talk vielfältige Perspektiven berücksichtigen und so Raum schaffen für die Frage, wie die Binarität von Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit, Elternschaft und Kinderlosigkeit überwunden werden kann. Ausdrücklich erwünscht sind Fragen der Zuschauer*innen während des 75-minütigen Livestreams am Mittwoch, 18. November 2020 auf dem YouTube Kanal der Technischen Universität Braunschweig.
Schalten Sie ab 18.00 Uhr ein!

Talk Gäste:

Zur Buchveröffentlichung von Regina Toepfer: Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter (2020, Stuttgart: J.B. Metzler)

wird die Autorin:
Regina Toepfer, Professorin für Germanistische Mediävistik an der Technischen Universität Braunschweig,

zusammen mit:
Verena Brunschweiger, Autorin der Bücher “Kinderfrei statt Kinderlos. Ein Manifest” (2019) und “Die Childfree-Rebellion: Warum ‘zu radikal’ gerade radikal genug ist” (2020),
und Petra Thorn, Therapeutin spezialisiert auf psychosoziale Kinderwunschberatung, Herausgeberin mehrerer Bücher u.a. zu multipler Elternschaft
im Gespräch sein.

Moderation:
Elisabeth Hoffmann, Technische Universität Braunschweig, Leitung Presse und Kommunikation
Co-Moderation:
Jeremias Othman, Wissenschaftskommunikator und Mediendidaktiker

Details: Mittwoch, 18. November 2020, 18-19.15 Uhr

Der YouTube-Link folgt in Kürze.

Fight Back! Trigger Warning von Sheila Jeffreys als grandioses Resümee eines radikalfeministischen Lebens

Von Dr. phil. Verena Brunschweiger, 11. Oktober 2020

I found myself isolated as a radical lesbian feminist theorist and teacher in a world where feminism was scarcely mentioned or actively repudiated. This period was a lonely one for the few of us still working and acting as radical feminists in the western world.

Dieses Gefühl der Verlorenheit, das Empfinden, ganz allein zu sein auf weiter Flur – das kennt im Jahr 2020 wohl tatsächlich jede Radikalfeministin, nicht nur die mittlerweile 72-jährige Sheila Jeffreys, welche diese Zeilen in der Einleitung zu ihrer Autobiographie schreibt.

Umgeben von Pseudofeministinnen, die beispielsweise dem Happy-Sexwork-Mythos huldigen, ist es eine unbeschreibliche Wohltat, diese Retrospektive zu lesen, die so viel mehr ist als nur das. Die Autorin berichtet zwar sehr wohl von ihrer Kindheit und Jugend, von hetero- und homosexuellen Begegnungen, aber sie bringt uns in eindringlicher Weise den Zeitgeist ihrer Welt nahe. Ob wir uns im England der 1970er befinden oder im Australien (wo die Politikwissenschaftlerin über zwanzig Jahre an der Universität Melbourne unterrichtete) der Nuller Jahre – stets hat man das Gefühl, direkt dabei zu sein, mit Ann, Sheila und anderen Feministinnen zu diskutieren oder zu demonstrieren.

Bei einer Autorin, die immer wieder die großartige Janice Raymond als eine der wichtigsten Kolleginnen anführt, überrascht es nicht, dass sie selbst in der Reproduktion einen der Hauptgründe für die weibliche Unterdrückung sieht und dieses Modell für sich selbst ablehnt:

Living as a fertility goddess did not attract me at all as I was too interested in the life of the mind and in conversation.

Dieser Aspekt ist aber nur einer der höchst erfreulichen, die dieses Buch zu so einem Genuss machen. Sheila Jeffreys verortet sich links und sie kritisiert den Antisemitismus, der im England der 1980er durchaus salonfähig war – und zwar auch in feministischen Kreisen, was noch dazu von linken Zeitungen und dem Malestream unterstützt wurde:

Antisemitism is the only form of racism that has always been acceptable to some of the hard Left and is based on blaming Jews for capitalism.

Bei einer in jeglicher Hinsicht hellsichtigen Aktivistin nimmt es natürlich auch nicht wunder, dass der antifeministische Backlash, der sich unter anderem darin manifestiert, dass Kritik an Pornografie oder Prostitution nahezu ausstarb, immer wieder Thema ist. Erst Gail Dines, die Autorin von Pornland, sorgte hier für eine Wiederbelebung – “and others in the 2010s“ (beispielsweise 2013 mein Buch Fuck Porn). Jeffreys hatte das Glück, mit Andrea Dworkin und vielen anderen namhaften Radikalfeministinnen persönlich bekannt zu sein und zu kooperieren.

Wer sich in mehreren Büchern und zahllosen Aktionen gegen die Privilegierung weißer Cis-Männer wendet, bekommt in der Regel massiven Gegenwind zu spüren. Da ist Jeffreys keine Ausnahme. Mehrfach und systematisch erlebte sie, was den meisten Radikalfeministinnen hinlänglich bekannt ist: Es wird versucht, die betreffende Autorin mundtot zu machen, sie zu ignorieren, zu diffamieren; ihre Bücher und Auftritte werden verrissen:

Immediately afterwards, the host, Kenny, told me that there had been lots of infuriated viewers phoning in to object to my having been on the show. […] None of the commentators were neutral about the book, they either loved or hated it and my detractors were very angry.

Personen, die im Leben keins ihrer Bücher kauften oder lasen, schrieben ihr negative Bewertungen auf Amazon – Internet sei Dank haben niveaulose Hater ja ein unbegrenztes Feld an Möglichkeiten, unbequeme Frauen zu degradieren. Und es geht noch weiter, bis hin zu beruflichen Nachteilen, beispielsweise in Form von Nicht-Anstellungen:

The woman who did get the job had not written a book, had no more qualifications than me, and was much less well known. But she was, presumably, politically safe, whereas I was not.

Trotz ausführlicher Klagen über die Feindseligkeit, die man seit den frühen 2000ern dem Feminismus allerorts entgegenbringt, auch und gerade von Seiten queerer Aktivist*innen, wird Jeffreys‘ Ton nie bitter, sondern strahlt in jedem Abschnitt eine inspirierende Zuversicht aus und eine tiefe Befriedigung darüber, Teil dieses Wegs gewesen zu sein, einen so bedeutsamen Beitrag geleistet zu haben und für die wirklich coolen jungen Radikalfeministinnen heute noch als Vorbild zu fungieren. Der Kampf lohnt sich trotz allem. Immer. Prinzipiell.

Sheila Jeffreys: Trigger Warning. My Lesbian Feminist Life.

Spinifex Press, North Geelong 2020

240 Seiten, 21.31 EUR

ISBN: 978-1925950205

Die traurige Vorherrschaft der Misogynie (Rez.)

Rebecca Solnit beschreibt in „Unziemliches Verhalten“ den Prozess ihrer feministischen Selbstwerdung

29.09.2020, Literaturkritik.de

Von Verena Brunschweiger

 

An Virginia Woolf interessiert uns, dass sie A Room of One’s Own und andere grandiose Werke verfasst hat, und nicht, ob sie ihre Reproduktionsorgane benutzt hat – diese fulminante Antwort Rebecca Solnits auf eine Interviewfrage lässt mehr als nur aufhorchen, man erwartet viel von solch einer Autorin.

In der Tat enttäuscht das jüngste Werk der Mansplaining-Publizistin nicht. Man erfährt darin Interessantes über San Francisco, die bunte, homophile Stadt, die wesentlich dazu beitrug, Solnit zu ihrer ganz eigenen Stimme finden zu lassen. Auch über die Umgebung, über signifikante amerikanische Landstriche, aber vor allem über marginalisierte Gruppen, über Schwarze und Schwule, deren Kämpfe persönlich und strukturell bedeutsam waren für die Autorin. Die „Außenseiterin“ verbrachte den Großteil ihres Lebens in dieser Metropole und beklagt etwa, dass eine linke Buchhandlung dort zur Brillenboutique mutierte – eine ubiquitäre Entwicklung, vergleichbar mit der Tatsache, dass ein italienischer Bücherladen in München jetzt nicht mehr existiert, die Räumlichkeiten dafür aber einen Friseur beherbergen.

Das wichtigste Thema in Solnits neuem Buch jedoch ist die Gewalt gegen Frauen. Sie prangert victim blaming an und berichtet nicht nur aus persönlicher Betroffenheit von der Erfahrung, als junge Frau in einem Klima der Angst und stetigen Wachsamkeit aufzuwachsen. In diesem Kontext spricht Solnit auch über unsere misogyne Kultur, die sich seit jeher an jungen weiblichen Leichen delektiert. Man denkt sofort an Catherine Cléments Die Frau in der Oper, ein wunderbares, trauriges Buch, das nicht umsonst den Untertitel Besiegt, verraten und verkauft trägt. Man denkt auch an eine Vorstellung von La Traviata vor etlichen Jahren in Rom, als sich ein männlicher Zuschauer über die Sängerin der Titelpartie mokierte, als selbige die Phrase „Morire bella e giovane“ („Schön und jung sterben“) intonierte. Die kumulative Misogynie im Gewande der Hochkultur ist eine unendliche Melodie.

Solnit thematisiert außerdem die „üblichen“ Vergewaltigungs- und Morddrohungen gegen Feministinnen, die ihre Stimme erheben. Manche Frauen internalisieren zudem die Erotik der Unterdrückung, so Solnit. Korrekt, anders lässt sich der unfassbare Erfolg der Shades of Grey und vergleichbarer Machwerke nicht erklären.

Ähnliches gilt für die Integration männlicher Bewertungsraster in die weibliche Selbstwahrnehmung. Solnit weist darauf hin, dass nicht nur fat shaming ein Problem ist, sondern auch dessen Gegenteil. So wurde sie persönlich gemobbt, weil sie sehr schlank war.

Sexuelle Belästigung, schreibt die Autorin, ist in den seltensten Fällen ein freundliches Angebot attraktiver Menschen. Allerdings! Umso betrüblicher, dass dreimal von „Sexarbeit“ die Rede ist, diesem unerträglichen Euphemismus, der das Leid der überwältigenden Mehrheit prostituierter Frauen bagatellisiert.

Selbstzweifel und Zurückhaltung verhelfen den Tätern zu einem leichten Spiel. Logischerweise haben da Entwicklungen wie #MeToo Solnits vollen Support, wobei sie die Ambivalenz der sozialen Medien richtig darstellt, die ja einerseits solche Geschichten sammeln und verbreiten, andererseits aber auch bösartigster Hate Speech breiten Raum geben.

Lesen war für Solnit stets exorbitant wichtig. Es brachte ihr zwar ein, „an Orten zu leben, wo Frauen nur Dekoration, Trophäen oder Zuchtstuten waren“. Aber dies wiederum half ihr, auch gegen diese Missstände anzuschreiben. Sekundärliteratur spielt dabei nur eine geringe Rolle in dem vorliegenden Buch, was jedoch kaum ins Gewicht fällt, zumal Klassiker wie Andrea Dworkin durchaus erwähnt werden.

Besonders interessant ist auch, dass Solnit bereits vor langer Zeit als Verschwörungstheoretikerin abgetan wurde, eine Diffamierungsstrategie, die in Corona-Zeiten vor allem Leute trifft, die nicht die strenge Ideologie des RKI vertreten.

Zwei herausragende Zitate dürfen in einer Besprechung dieses Buchs nicht fehlen. So stellt die Autorin heraus, welch „radikale Schönheit darin liegt, sich der zugewiesenen Rolle zu verweigern“. Auch sie erlebte, was jede kinderfreie Frau wieder und wieder erleben muss: „übergriffige“ Fragen, warum sie keine Kinder hätte – was sie schlagfertig mit dem Hinweis auf ihre Heimatstadt beantwortet, wo es Leute gäbe, die „weniger konventionelle Vorstellungen davon hatten, wie ein Leben aussehen und welche Formen von Liebe es stützen können. Es war ein unglaubliches Geschenk“.

Ein Geschenk wie Solnits Buch. Virginia Woolf wäre stolz auf sie.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten. Erinnerungen an ein feministisches Erwachen.
Aus dem Englischen von Kathrin Razum.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020.
272 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783455009538

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

„Was ich will, hängt davon ab, was er will.“

Kate Elizabeth Russells „Meine dunkle Vanessa“ als verstörender Versuch, „Lolita“ aus weiblicher Perspektive neu zu erzählen

Von Verena BrunschweigerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Verena Brunschweiger

Literaturkritik, 18.08.2020

Das Motiv der verbotenen Liebe ist seit jeher ein Bestseller-Garant. Romeo and Juliet oder Tristan und Isolde sind seit Jahrhunderten Dauerbrenner und unterlagen zahlreichen Bearbeitungen. Dabei haben wir es in diesen Werken mit relativ harmlosen Konstellationen zu tun, was bei anderen Texten wie beispielsweise John Francis Bloxams The Priest and the Acolyte nicht der Fall ist: Ein Priester verführt einen vierzehnjährigen Messnerknaben, also ein multipler Tabubruch. Die Pädophilie muss aber nicht mal homoerotisch sein oder im kirchlichen Kontext stattfinden, sie kann auch in nahezu klassischem Gewand daherkommen: Ein älterer Lehrer verliebt sich in seine Schülerin und richtet sie dementsprechend zu.

Man hatte ja inständig gehofft, nach den Shades of Grey hätte man wieder ein wenig Ruhe vor devoten, submissiven Frauen, aber weit gefehlt. Die Titelheldin Vanessa ist erst fünfzehn, als sie mit ihrem Lehrer Jacob Strane, 42, eine Affäre beginnt, die sie als solche klassifiziert, als Liebesgeschichte – dabei ist es Missbrauch. Missbrauch durch einen pädophilen Wiederholungstäter, der die Mädchen manipuliert und seine Machtposition ausnutzt, der sie groomt, bis sie keinen eigenen Willen mehr haben:

 

Ich, die für ihn alles stehen und liegen lässt und sich aufopfert, treu wie ein Hündchen, während er nimmt und nimmt und nimmt.

Es gibt nichts, was er nicht mit mir machen dürfte.

 

Das sind nur zwei der schon schwer erträglichen Äußerungen der Schülerin, die immer wieder betont, gleichaltrige Jungs fände sie reizlos, sie hätten Pickelgesichter und werteten Mädchen ab. Die Aufmerksamkeit eines richtigen Mannes hingegen empfindet sie als Auszeichnung, die sie den anderen Schülerinnen überlegen macht. Sie exkulpiert ihren Lehrer auf eine unerträgliche Art und Weise, obwohl er ihr Leben ruiniert hat. Dabei erkennt sie das in ihren lichten Momenten durchaus und sieht auch, was mit einem weiteren Opfer Stranes passiert: Sie erntet Shitstorms, wie alle öffentlich agierenden Feministinnen, inklusive Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Vanessas Empathie hält sich in Grenzen.

Dabei zeichnet sich die Heroine durch zahlreiche antifeministische Einstellungen aus: Slutshaming wird nur angeprangert, wenn es sie selbst trifft, ansonsten partizipiert sie fröhlich wieder und wieder: Eine Mitschülerin, die keinen BH trägt, hat also ein „nuttiges Hemdchen“ an, eine junge Lehrerin wird sogar mehrfach als fett bezeichnet, „ihr Po ragt nach hinten wie eine Ablage“. Ihr Vater ist ihr lieber als ihre Mutter; als ihre Freundin gelobt wird, spürt sie „eine Art Stich im Magen, so etwas wie Eifersucht, nur gehässiger“.

Engstirnig, beschränkt und gewöhnlich erscheinen ihr diejenigen Schülerinnen, die Übergriffe durch Lehrer als inakzeptabel bezeichnen, den ‚Opferfeminismus‘ findet sie explizit daneben. Als sie eines seiner anderen Opfer trifft, hat sie sich bereits überlegt, was sie ihr sagen will: „Schneidende, verletzende Bemerkungen, mit denen ich sie bis zum Knochen aufschlitzen wollte.“ Als sie mit über 30 als Rezeptionistin arbeitet, hilft sie einer jungen Kollegin, die von einem Gast bedrängt wird, absichtlich nicht.

„Alle interessanten Frauen hatten ältere Liebhaber, als sie jung waren.“ – Nein! Natürlich ist das Teil ihrer Strategie, sich den Missbrauch schönzureden, und bis fast ganz zuletzt bleibt sie Strane sklavisch ergeben.

„Wenn ein achtundvierzigjähriger Mann bei einem Mädchen von einundzwanzig keinen Ständer bekommt, was törnt ihn dann an?“ – Weibliche Solidarität? Fehlanzeige. Dabei verdankt sie es einer Therapeutin und einer Hündin, dass sich am Ende ein Hoffnungsschimmer an ihrem Horizont zeigt.

Spaß gemacht hat diese Lektüre nicht, das soll sie wohl auch nicht. Am 13.03.2020 sagte die Autorin im Rahmen eines Interviews, das Fiona Sturges für den Guardian mit ihr führte: „I’ll move wherever you get a job, just don’t expect me to bring in money.“ Diesen Spruch bekam ihr Ehemann zu hören und es betrübt enorm, dass eine relativ junge Frau so wenig Interesse an einem selbstbestimmten Leben zu haben scheint. Diese provozierende Unterwürfigkeit gegenüber allem Männlichen zieht sich betrüblicherweise durch den gesamten Roman, was schade ist, da die Missbrauchsthematik von eminenter Bedeutung ist. So wurde viel Potenzial vergeudet.

In der außerliterarischen Realität haben wir Brigitte Macron, die zeigt, dass man sich als Lehrkraft in jemanden aus der Schülerschaft verlieben kann, dass das in ganz seltenen Fällen durchaus gut enden kann, aber diese spektakuläre Ausnahme ist vielleicht auch deswegen so erfolgsgekrönt, weil sie nicht das ubiquitäre Klischee ‚älterer Mann – junge Frau/Mädchen‘ bedient, sondern das konventionelle Geschlechterverhältnis auf den Kopf stellt…

Erinnern wir uns: 1969 wurde eine 32-jährige Lehrerin, Gabrielle Russier, wegen Sex mit einem 16-jährigen Schüler zu einer Haftstrafe verurteilt – sie brachte sich im Gefängnis um. Der Prozess gegen den französischen Autor Gabriel Matzneff wegen Verherrlichung der Pädophilie wird 2021 stattfinden.

Fakt ist, dass junge Mädchen Aufmerksamkeit brauchen, von uns allen, damit sie nicht glauben, sich diese bei einem alten Mann holen zu müssen. Damit sie genügend Selbstachtung und Selbstwertgefühl haben, um niemals einem Pädophilen oder einem Loverboy – den Jacob Stranes unserer Gesellschaft – zu verfallen.

Titelbild

Kate Elizabeth Russell: Meine dunkle Vanessa.
Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer.
C. Bertelsmann Verlag, München 2020.
448 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783570104279

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

 


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