Kategorie: Radikalfeminismus Seite 1 von 2

Es lebe der Backlash!

 

Kinderwunschbehandlungen werden künftig vom Freistaat Bayern finanziert – mit vierstelligen Beträgen PRO PAAR. Eine absolute Katastrophe, ein Schlag ins Gesicht für all die Millionen Kinder weltweit, die bereits existieren und denen es nicht so gut geht, denen man mit diesen Wahnsinnsbeträgen signifikant helfen könnte… Aber warum sollte man afrikanische Kinder vor dem Hungertod oder Krankheiten oder Zwangsverheiratung retten, wenn man mit diesem Geld auch scheinbar wertvollere bayerische Kinder züchten kann?

Dazu passt, dass der Bund das Kindergeld erhöhen und Steuern für Familien senken will – grandiose Idee, es ist schließlich nicht so, dass aufgrund des immer kleineren Lebensraums für Tiere Viren auf den Menschen überspringen… Unserem Planeten geht es so exzellent gut, da kann man schon mal mit voller Kraft voraus in die falsche Richtung fahren, warum denn nicht! Dabei ist es ethisch-moralisch ohnehin immer falsch, jemandem dabei zu helfen, the harm of existence einem unschuldigen Dritten zuzumuten, wenn man den südafrikanischen Philosophen David Benatar fragt.

Auch den Maskenwahnsinn darf man offenbar nur als Elternteil bekämpfen, um der Kinder willen, warum denn auch sonst. Als kinderfreier Mensch kann man sich schon mal für Verbrechen bestrafen lassen, die man nicht begangen hat. Corona-Maßnahmen treffen ja schließlich nur die armen Eltern, Singles oder Senior*innen haben darunter überhaupt nicht zu leiden! Wer braucht schon ein Theater oder eine Kneipe, wenn man daheim mit den Kindern Masken schneidern und den Mädchen das Kochen beibringen kann?

Rollback welcome! Vielen Dank, CSU/CDU! Ich freue mich ungemein auf eine Welt, in der es nur noch Menschen gibt, dumpf-reaktionäre, dafür aber ganz, ganz viele davon!

18.11.2020: Kinderlosigkeit – Traum statt Trauma? Talk-Livestream zur Buchveröffentlichung von Regina Toepfer

Mittwoch, 18.11.2020:

Kinderlosigkeit – Traum statt Trauma?

Traum statt Trauma – so lautet das Glücksversprechen von Kinderwunschzentren. Doch inwiefern ist Elternschaft überhaupt für alle kinderlosen Frauen und kinderlosen Männer erstrebenswert? Gehören Kinder notwendigerweise zu einem erfüllten und sinnhaften Leben dazu, und was bedeutet eine solche Auffassung für Singles, für gleichgeschlechtliche Paare oder überzeugte Nicht-Mütter?

Kinderlosigkeit löst gespaltene Gefühle und Reaktionen aus. Während in Politik und Gesellschaft über eine geringe Geburtenrate geklagt wird, wünschen sich viele Betroffene sehnlichst Nachwuchs. Andere entscheiden sich bewusst gegen ein Kind und manche bereuen gar, Eltern geworden zu sein. Frauen, die keine Kinder haben wollen, gelten als egoistisch; Paare, die keinen Nachwuchs bekommen können, werden zum Arzt geschickt, um sich reproduktionsmedizinisch behandeln zu lassen.

Für die Literaturwissenschaftlerin Regina Toepfer steht fest: Kinderlosigkeit ist kein biologisches Schicksal, sondern sozial und kulturell geprägt. Was politisch als Problem beurteilt wird, kann religiös oder ökologisch als Ideal erscheinen. In ihrem Buch “Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter” (2020) zeigt sie, dass die Kinderfrage in Vergangenheit und Gegenwart viele verschiedene Facetten hat.

Abseits von Stereotypen will der Talk vielfältige Perspektiven berücksichtigen und so Raum schaffen für die Frage, wie die Binarität von Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit, Elternschaft und Kinderlosigkeit überwunden werden kann. Ausdrücklich erwünscht sind Fragen der Zuschauer*innen während des 75-minütigen Livestreams am Mittwoch, 18. November 2020 auf dem YouTube Kanal der Technischen Universität Braunschweig.
Schalten Sie ab 18.00 Uhr ein!

Talk Gäste:

Zur Buchveröffentlichung von Regina Toepfer: Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter (2020, Stuttgart: J.B. Metzler)

wird die Autorin:
Regina Toepfer, Professorin für Germanistische Mediävistik an der Technischen Universität Braunschweig,

zusammen mit:
Verena Brunschweiger, Autorin der Bücher “Kinderfrei statt Kinderlos. Ein Manifest” (2019) und “Die Childfree-Rebellion: Warum ‘zu radikal’ gerade radikal genug ist” (2020),
und Petra Thorn, Therapeutin spezialisiert auf psychosoziale Kinderwunschberatung, Herausgeberin mehrerer Bücher u.a. zu multipler Elternschaft
im Gespräch sein.

Moderation:
Elisabeth Hoffmann, Technische Universität Braunschweig, Leitung Presse und Kommunikation
Co-Moderation:
Jeremias Othman, Wissenschaftskommunikator und Mediendidaktiker

Details: Mittwoch, 18. November 2020, 18-19.15 Uhr

Der YouTube-Link folgt in Kürze.

Fight Back! Trigger Warning von Sheila Jeffreys als grandioses Resümee eines radikalfeministischen Lebens

Von Dr. phil. Verena Brunschweiger, 11. Oktober 2020

I found myself isolated as a radical lesbian feminist theorist and teacher in a world where feminism was scarcely mentioned or actively repudiated. This period was a lonely one for the few of us still working and acting as radical feminists in the western world.

Dieses Gefühl der Verlorenheit, das Empfinden, ganz allein zu sein auf weiter Flur – das kennt im Jahr 2020 wohl tatsächlich jede Radikalfeministin, nicht nur die mittlerweile 72-jährige Sheila Jeffreys, welche diese Zeilen in der Einleitung zu ihrer Autobiographie schreibt.

Umgeben von Pseudofeministinnen, die beispielsweise dem Happy-Sexwork-Mythos huldigen, ist es eine unbeschreibliche Wohltat, diese Retrospektive zu lesen, die so viel mehr ist als nur das. Die Autorin berichtet zwar sehr wohl von ihrer Kindheit und Jugend, von hetero- und homosexuellen Begegnungen, aber sie bringt uns in eindringlicher Weise den Zeitgeist ihrer Welt nahe. Ob wir uns im England der 1970er befinden oder im Australien (wo die Politikwissenschaftlerin über zwanzig Jahre an der Universität Melbourne unterrichtete) der Nuller Jahre – stets hat man das Gefühl, direkt dabei zu sein, mit Ann, Sheila und anderen Feministinnen zu diskutieren oder zu demonstrieren.

Bei einer Autorin, die immer wieder die großartige Janice Raymond als eine der wichtigsten Kolleginnen anführt, überrascht es nicht, dass sie selbst in der Reproduktion einen der Hauptgründe für die weibliche Unterdrückung sieht und dieses Modell für sich selbst ablehnt:

Living as a fertility goddess did not attract me at all as I was too interested in the life of the mind and in conversation.

Dieser Aspekt ist aber nur einer der höchst erfreulichen, die dieses Buch zu so einem Genuss machen. Sheila Jeffreys verortet sich links und sie kritisiert den Antisemitismus, der im England der 1980er durchaus salonfähig war – und zwar auch in feministischen Kreisen, was noch dazu von linken Zeitungen und dem Malestream unterstützt wurde:

Antisemitism is the only form of racism that has always been acceptable to some of the hard Left and is based on blaming Jews for capitalism.

Bei einer in jeglicher Hinsicht hellsichtigen Aktivistin nimmt es natürlich auch nicht wunder, dass der antifeministische Backlash, der sich unter anderem darin manifestiert, dass Kritik an Pornografie oder Prostitution nahezu ausstarb, immer wieder Thema ist. Erst Gail Dines, die Autorin von Pornland, sorgte hier für eine Wiederbelebung – “and others in the 2010s“ (beispielsweise 2013 mein Buch Fuck Porn). Jeffreys hatte das Glück, mit Andrea Dworkin und vielen anderen namhaften Radikalfeministinnen persönlich bekannt zu sein und zu kooperieren.

Wer sich in mehreren Büchern und zahllosen Aktionen gegen die Privilegierung weißer Cis-Männer wendet, bekommt in der Regel massiven Gegenwind zu spüren. Da ist Jeffreys keine Ausnahme. Mehrfach und systematisch erlebte sie, was den meisten Radikalfeministinnen hinlänglich bekannt ist: Es wird versucht, die betreffende Autorin mundtot zu machen, sie zu ignorieren, zu diffamieren; ihre Bücher und Auftritte werden verrissen:

Immediately afterwards, the host, Kenny, told me that there had been lots of infuriated viewers phoning in to object to my having been on the show. […] None of the commentators were neutral about the book, they either loved or hated it and my detractors were very angry.

Personen, die im Leben keins ihrer Bücher kauften oder lasen, schrieben ihr negative Bewertungen auf Amazon – Internet sei Dank haben niveaulose Hater ja ein unbegrenztes Feld an Möglichkeiten, unbequeme Frauen zu degradieren. Und es geht noch weiter, bis hin zu beruflichen Nachteilen, beispielsweise in Form von Nicht-Anstellungen:

The woman who did get the job had not written a book, had no more qualifications than me, and was much less well known. But she was, presumably, politically safe, whereas I was not.

Trotz ausführlicher Klagen über die Feindseligkeit, die man seit den frühen 2000ern dem Feminismus allerorts entgegenbringt, auch und gerade von Seiten queerer Aktivist*innen, wird Jeffreys‘ Ton nie bitter, sondern strahlt in jedem Abschnitt eine inspirierende Zuversicht aus und eine tiefe Befriedigung darüber, Teil dieses Wegs gewesen zu sein, einen so bedeutsamen Beitrag geleistet zu haben und für die wirklich coolen jungen Radikalfeministinnen heute noch als Vorbild zu fungieren. Der Kampf lohnt sich trotz allem. Immer. Prinzipiell.

Sheila Jeffreys: Trigger Warning. My Lesbian Feminist Life.

Spinifex Press, North Geelong 2020

240 Seiten, 21.31 EUR

ISBN: 978-1925950205

Die traurige Vorherrschaft der Misogynie (Rez.)

Rebecca Solnit beschreibt in „Unziemliches Verhalten“ den Prozess ihrer feministischen Selbstwerdung

29.09.2020, Literaturkritik.de

Von Verena Brunschweiger

 

An Virginia Woolf interessiert uns, dass sie A Room of One’s Own und andere grandiose Werke verfasst hat, und nicht, ob sie ihre Reproduktionsorgane benutzt hat – diese fulminante Antwort Rebecca Solnits auf eine Interviewfrage lässt mehr als nur aufhorchen, man erwartet viel von solch einer Autorin.

In der Tat enttäuscht das jüngste Werk der Mansplaining-Publizistin nicht. Man erfährt darin Interessantes über San Francisco, die bunte, homophile Stadt, die wesentlich dazu beitrug, Solnit zu ihrer ganz eigenen Stimme finden zu lassen. Auch über die Umgebung, über signifikante amerikanische Landstriche, aber vor allem über marginalisierte Gruppen, über Schwarze und Schwule, deren Kämpfe persönlich und strukturell bedeutsam waren für die Autorin. Die „Außenseiterin“ verbrachte den Großteil ihres Lebens in dieser Metropole und beklagt etwa, dass eine linke Buchhandlung dort zur Brillenboutique mutierte – eine ubiquitäre Entwicklung, vergleichbar mit der Tatsache, dass ein italienischer Bücherladen in München jetzt nicht mehr existiert, die Räumlichkeiten dafür aber einen Friseur beherbergen.

Das wichtigste Thema in Solnits neuem Buch jedoch ist die Gewalt gegen Frauen. Sie prangert victim blaming an und berichtet nicht nur aus persönlicher Betroffenheit von der Erfahrung, als junge Frau in einem Klima der Angst und stetigen Wachsamkeit aufzuwachsen. In diesem Kontext spricht Solnit auch über unsere misogyne Kultur, die sich seit jeher an jungen weiblichen Leichen delektiert. Man denkt sofort an Catherine Cléments Die Frau in der Oper, ein wunderbares, trauriges Buch, das nicht umsonst den Untertitel Besiegt, verraten und verkauft trägt. Man denkt auch an eine Vorstellung von La Traviata vor etlichen Jahren in Rom, als sich ein männlicher Zuschauer über die Sängerin der Titelpartie mokierte, als selbige die Phrase „Morire bella e giovane“ („Schön und jung sterben“) intonierte. Die kumulative Misogynie im Gewande der Hochkultur ist eine unendliche Melodie.

Solnit thematisiert außerdem die „üblichen“ Vergewaltigungs- und Morddrohungen gegen Feministinnen, die ihre Stimme erheben. Manche Frauen internalisieren zudem die Erotik der Unterdrückung, so Solnit. Korrekt, anders lässt sich der unfassbare Erfolg der Shades of Grey und vergleichbarer Machwerke nicht erklären.

Ähnliches gilt für die Integration männlicher Bewertungsraster in die weibliche Selbstwahrnehmung. Solnit weist darauf hin, dass nicht nur fat shaming ein Problem ist, sondern auch dessen Gegenteil. So wurde sie persönlich gemobbt, weil sie sehr schlank war.

Sexuelle Belästigung, schreibt die Autorin, ist in den seltensten Fällen ein freundliches Angebot attraktiver Menschen. Allerdings! Umso betrüblicher, dass dreimal von „Sexarbeit“ die Rede ist, diesem unerträglichen Euphemismus, der das Leid der überwältigenden Mehrheit prostituierter Frauen bagatellisiert.

Selbstzweifel und Zurückhaltung verhelfen den Tätern zu einem leichten Spiel. Logischerweise haben da Entwicklungen wie #MeToo Solnits vollen Support, wobei sie die Ambivalenz der sozialen Medien richtig darstellt, die ja einerseits solche Geschichten sammeln und verbreiten, andererseits aber auch bösartigster Hate Speech breiten Raum geben.

Lesen war für Solnit stets exorbitant wichtig. Es brachte ihr zwar ein, „an Orten zu leben, wo Frauen nur Dekoration, Trophäen oder Zuchtstuten waren“. Aber dies wiederum half ihr, auch gegen diese Missstände anzuschreiben. Sekundärliteratur spielt dabei nur eine geringe Rolle in dem vorliegenden Buch, was jedoch kaum ins Gewicht fällt, zumal Klassiker wie Andrea Dworkin durchaus erwähnt werden.

Besonders interessant ist auch, dass Solnit bereits vor langer Zeit als Verschwörungstheoretikerin abgetan wurde, eine Diffamierungsstrategie, die in Corona-Zeiten vor allem Leute trifft, die nicht die strenge Ideologie des RKI vertreten.

Zwei herausragende Zitate dürfen in einer Besprechung dieses Buchs nicht fehlen. So stellt die Autorin heraus, welch „radikale Schönheit darin liegt, sich der zugewiesenen Rolle zu verweigern“. Auch sie erlebte, was jede kinderfreie Frau wieder und wieder erleben muss: „übergriffige“ Fragen, warum sie keine Kinder hätte – was sie schlagfertig mit dem Hinweis auf ihre Heimatstadt beantwortet, wo es Leute gäbe, die „weniger konventionelle Vorstellungen davon hatten, wie ein Leben aussehen und welche Formen von Liebe es stützen können. Es war ein unglaubliches Geschenk“.

Ein Geschenk wie Solnits Buch. Virginia Woolf wäre stolz auf sie.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten. Erinnerungen an ein feministisches Erwachen.
Aus dem Englischen von Kathrin Razum.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020.
272 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783455009538

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

„Was ich will, hängt davon ab, was er will.“

Kate Elizabeth Russells „Meine dunkle Vanessa“ als verstörender Versuch, „Lolita“ aus weiblicher Perspektive neu zu erzählen

Von Verena BrunschweigerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Verena Brunschweiger

Literaturkritik, 18.08.2020

Das Motiv der verbotenen Liebe ist seit jeher ein Bestseller-Garant. Romeo and Juliet oder Tristan und Isolde sind seit Jahrhunderten Dauerbrenner und unterlagen zahlreichen Bearbeitungen. Dabei haben wir es in diesen Werken mit relativ harmlosen Konstellationen zu tun, was bei anderen Texten wie beispielsweise John Francis Bloxams The Priest and the Acolyte nicht der Fall ist: Ein Priester verführt einen vierzehnjährigen Messnerknaben, also ein multipler Tabubruch. Die Pädophilie muss aber nicht mal homoerotisch sein oder im kirchlichen Kontext stattfinden, sie kann auch in nahezu klassischem Gewand daherkommen: Ein älterer Lehrer verliebt sich in seine Schülerin und richtet sie dementsprechend zu.

Man hatte ja inständig gehofft, nach den Shades of Grey hätte man wieder ein wenig Ruhe vor devoten, submissiven Frauen, aber weit gefehlt. Die Titelheldin Vanessa ist erst fünfzehn, als sie mit ihrem Lehrer Jacob Strane, 42, eine Affäre beginnt, die sie als solche klassifiziert, als Liebesgeschichte – dabei ist es Missbrauch. Missbrauch durch einen pädophilen Wiederholungstäter, der die Mädchen manipuliert und seine Machtposition ausnutzt, der sie groomt, bis sie keinen eigenen Willen mehr haben:

 

Ich, die für ihn alles stehen und liegen lässt und sich aufopfert, treu wie ein Hündchen, während er nimmt und nimmt und nimmt.

Es gibt nichts, was er nicht mit mir machen dürfte.

 

Das sind nur zwei der schon schwer erträglichen Äußerungen der Schülerin, die immer wieder betont, gleichaltrige Jungs fände sie reizlos, sie hätten Pickelgesichter und werteten Mädchen ab. Die Aufmerksamkeit eines richtigen Mannes hingegen empfindet sie als Auszeichnung, die sie den anderen Schülerinnen überlegen macht. Sie exkulpiert ihren Lehrer auf eine unerträgliche Art und Weise, obwohl er ihr Leben ruiniert hat. Dabei erkennt sie das in ihren lichten Momenten durchaus und sieht auch, was mit einem weiteren Opfer Stranes passiert: Sie erntet Shitstorms, wie alle öffentlich agierenden Feministinnen, inklusive Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Vanessas Empathie hält sich in Grenzen.

Dabei zeichnet sich die Heroine durch zahlreiche antifeministische Einstellungen aus: Slutshaming wird nur angeprangert, wenn es sie selbst trifft, ansonsten partizipiert sie fröhlich wieder und wieder: Eine Mitschülerin, die keinen BH trägt, hat also ein „nuttiges Hemdchen“ an, eine junge Lehrerin wird sogar mehrfach als fett bezeichnet, „ihr Po ragt nach hinten wie eine Ablage“. Ihr Vater ist ihr lieber als ihre Mutter; als ihre Freundin gelobt wird, spürt sie „eine Art Stich im Magen, so etwas wie Eifersucht, nur gehässiger“.

Engstirnig, beschränkt und gewöhnlich erscheinen ihr diejenigen Schülerinnen, die Übergriffe durch Lehrer als inakzeptabel bezeichnen, den ‚Opferfeminismus‘ findet sie explizit daneben. Als sie eines seiner anderen Opfer trifft, hat sie sich bereits überlegt, was sie ihr sagen will: „Schneidende, verletzende Bemerkungen, mit denen ich sie bis zum Knochen aufschlitzen wollte.“ Als sie mit über 30 als Rezeptionistin arbeitet, hilft sie einer jungen Kollegin, die von einem Gast bedrängt wird, absichtlich nicht.

„Alle interessanten Frauen hatten ältere Liebhaber, als sie jung waren.“ – Nein! Natürlich ist das Teil ihrer Strategie, sich den Missbrauch schönzureden, und bis fast ganz zuletzt bleibt sie Strane sklavisch ergeben.

„Wenn ein achtundvierzigjähriger Mann bei einem Mädchen von einundzwanzig keinen Ständer bekommt, was törnt ihn dann an?“ – Weibliche Solidarität? Fehlanzeige. Dabei verdankt sie es einer Therapeutin und einer Hündin, dass sich am Ende ein Hoffnungsschimmer an ihrem Horizont zeigt.

Spaß gemacht hat diese Lektüre nicht, das soll sie wohl auch nicht. Am 13.03.2020 sagte die Autorin im Rahmen eines Interviews, das Fiona Sturges für den Guardian mit ihr führte: „I’ll move wherever you get a job, just don’t expect me to bring in money.“ Diesen Spruch bekam ihr Ehemann zu hören und es betrübt enorm, dass eine relativ junge Frau so wenig Interesse an einem selbstbestimmten Leben zu haben scheint. Diese provozierende Unterwürfigkeit gegenüber allem Männlichen zieht sich betrüblicherweise durch den gesamten Roman, was schade ist, da die Missbrauchsthematik von eminenter Bedeutung ist. So wurde viel Potenzial vergeudet.

In der außerliterarischen Realität haben wir Brigitte Macron, die zeigt, dass man sich als Lehrkraft in jemanden aus der Schülerschaft verlieben kann, dass das in ganz seltenen Fällen durchaus gut enden kann, aber diese spektakuläre Ausnahme ist vielleicht auch deswegen so erfolgsgekrönt, weil sie nicht das ubiquitäre Klischee ‚älterer Mann – junge Frau/Mädchen‘ bedient, sondern das konventionelle Geschlechterverhältnis auf den Kopf stellt…

Erinnern wir uns: 1969 wurde eine 32-jährige Lehrerin, Gabrielle Russier, wegen Sex mit einem 16-jährigen Schüler zu einer Haftstrafe verurteilt – sie brachte sich im Gefängnis um. Der Prozess gegen den französischen Autor Gabriel Matzneff wegen Verherrlichung der Pädophilie wird 2021 stattfinden.

Fakt ist, dass junge Mädchen Aufmerksamkeit brauchen, von uns allen, damit sie nicht glauben, sich diese bei einem alten Mann holen zu müssen. Damit sie genügend Selbstachtung und Selbstwertgefühl haben, um niemals einem Pädophilen oder einem Loverboy – den Jacob Stranes unserer Gesellschaft – zu verfallen.

Titelbild

Kate Elizabeth Russell: Meine dunkle Vanessa.
Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer.
C. Bertelsmann Verlag, München 2020.
448 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783570104279

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

 


Wien, 6. Oktober 2020: KINDERWUNSCH ODER KINDERFREI? Diskussion mit Judith Luig & Verena Brunschweiger

DI 06. Oktober 2020

19:30 Uhr

Aktionsradius Wien

Diskussion mit Judith Luig & Verena Brunschweiger

Mischa G. Hendel lädt zum Gespräch mit Judith Luig (Mutter/Autorin) und Verena Brunschweiger (Autorin „kinderfrei“). Es geht um ungewollte Kinderlosigkeit versus freiwilligem Verzicht auf Mutterschaft, mit allen damit verbunden Tabus.

DI 06. Oktober 2020

19:30 Uhr

Aktionsradius Wien

KINDERWUNSCH ODER KINDERFREI?

Diskussion mit Judith Luig & Verena Brunschweiger

Mischa G. Hendel lädt zum Gespräch mit Judith Luig (Mutter/Autorin) und Verena Brunschweiger (Autorin „kinderfrei“). Es geht um ungewollte Kinderlosigkeit versus freiwilligem Verzicht auf Mutterschaft, mit allen damit verbunden Tabus.

Auf der einen Seite stehen Frauen, die medizinische Hilfe suchen, um sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Wer Probleme hat, ein Kind zu zeugen oder zu bekommen, ist extremen Belastungen ausgesetzt. Man zweifelt an sich selbst, an seinem Körper. Auf der anderen Seite stehen Frauen, die in der Mutterschaft nicht die gesellschaftlich vorgeschriebene Erfüllung finden. Kein Kind zu wollen gilt vielerorts als unnatürlich und egoistisch. Ist ein Umdenken und eine Akzeptanz verschiedener Lebensmodelle möglich?

Eintritt: Spenden erbeten!

Anmeldung erforderlich unter office@aktionsradius.at – Covid19-Vorgaben

Ort: Aktionsradius Wien
Gaußplatz 11, 1200 Wien
www.aktionsradius.at

„Immer sind Liebende glücklicher als Eltern“: Regina Toepfers Kinderlosigkeit

„Immer sind Liebende glücklicher als Eltern“ (S. 377)

Regina Toepfers Kinderlosigkeit

Rezension, 03. August 2020

Von Dr. Verena Brunschweiger

 

Die gegenwartsdiagnostische Relevanz der Mediävistik zeigt sich an dem Thema Kinderlosigkeit in besonderem Maß. Regina Toepfers mit über 500 Seiten sehr umfangreiches Werk beinhaltet neben Einleitung und Epilog 12 Kapitel sowie 14 Abbildungen. Letztere werden ausführlich und ikonographisch äußerst versiert besprochen, wodurch die kulturgeschichtliche Relevanz des Phänomens der Kinderlosigkeit noch deutlich unterstrichen wird. Zudem passt es exzellent zu Toepfers Ansatz der historisierenden Komparatistik, die Untersuchung so interdisziplinär wie nur möglich aufzuziehen. Es ist auch keinesfalls unabdinglich, des Mittelhochdeutschen kundig zu sein, um an dieser elaborierten Analyse Gefallen finden zu können. Vielmehr gelingt hier, was man selten so brillant umgesetzt sieht: die Unterhaltung interessierter Laien und die Erweiterung oder Vertiefung der Kenntnisse von Expert*innen.

Das Buch gliedert sich in fünf Wissensbereiche (Theologie, Medizin, Recht, Dämonologie und Ethik) sowie sieben Narrative (Göttliche Hilfe, Gefährliche Dritte, Soziale Alternative, Mystische Mutterschaft, Erzwungene Elternschaft, Keusche Ehe und Höfische Liebe). Diese Anlage allein ist schon überzeugend und könnte den Komplex der Kinderlosigkeit im Mittelalter umfassend abdecken. Was aber Toepfers Buch zu einem echten Genuss macht, ist die normativitätskritische Perspektive, der Sätze wie

Die Abwertung kinderloser Frauen ist Voraussetzung für die Verteidigung des Reproduktionsideals (S. 15)

zu verdanken sind.

Ohne Nietzsches Umwertung der Werte explizit zu thematisieren, wird diese durchaus immer wieder umgesetzt; die Diskriminierung Kinderloser ist immer wieder Gegenstand der Betrachtungen – inklusive der notwendigen Differenzierung nach der Kategorie Geschlecht. So sind beispielsweise Kinderwunschbehandlungen über die Epochengrenzen hinweg in erster Linie Aufgabe der Frau. Kulturelle Spezifika werden bei diesem Approach, den man in Anlehnung an die Amerikanistik als Reading Against the Grain bezeichnen könnte, natürlich keinesfalls ignoriert oder nivelliert. Kinderlosigkeit ist für Toepfer kein biologischer Defekt, analog begreift sie Elternschaft als soziales Modell. In Anlehnung an gegenwartsbezogene sozialwissenschaftliche Theorien wird von Toepfer dementsprechend der Kinderwunsch nicht als Trieb betrachtet, sondern als Konsequenz der binären Matrix, die nicht nur Zwangsheterosexualität, sondern eben auch Zwangsmutterschaft (wie man mit Janice Raymond ergänzen könnte) beinhaltet. Das Konzept der Un*fruchtbarkeit ist vor allem soziokulturell, historisch und diskursiv bestimmt.

Toepfer befragt eine beeindruckende Anzahl Stimmen aller Epochen und konstatiert, dass zwar immer wieder reproduktionskritische Töne laut werden, seit der Reformation aber klar die Pronatalisten tonangebend sind. Die kinderbesitzende Mehrheitsgesellschaft etabliert sich als die Norm, Kinderlose werden dadurch zum Anderen, zum Anormalen, sie werden marginalisiert.

Man könnte viel schreiben über die Genauigkeit, mit der Toepfer fertilitätsfördernde Methoden vergleicht und beispielsweise moderne Kinderwunschkliniken als säkulare Variante des Glaubens an den biblischen Erlösergott betrachtet. Was im Mittelalter von Gott erfleht wurde, wünschen sich Kinderlose heutzutage vom Fertilitätskapitalismus, der, wie Toepfer anmerkt, in erster Linie ein Phänomen der herrschenden Oberschicht westlicher Industrienationen ist. Positiv fällt in diesem Kontext überdies auf, dass Leihmutterschaft, die Radikalfeministinnen nicht umsonst mit Prostitution vergleichen, angemessen problematisiert wird. Wie fanatisch manche Wunscheltern handeln, wird ebenfalls dargestellt. Im Mittelalter und in der Neuzeit gibt es Menschen, die sich vom Kinderwunsch so sehr vereinnahmen und determinieren lassen, dass sie blind werden für alle(s) andere(n).

Kinderfreie Frauen gab es bereits im Mittelalter. Bei ihnen waren es oft religiöse Gründe (nicht wie heute z.B. ökologische), die zu dieser Entscheidung führten. Was sich erhalten hat, ist die Durchsetzung dieses Wunsches gegen ganz erhebliche Widerstände des Systems, das von Frauen normenkonformes Verhalten fordert. In mittelalterlichen Legenden gelten kinderfreie Frauen oft als bedrohlich, da sie das Patriarchat destabilisieren – und genau das trifft auch heute noch zu!

Das enthusiasmierendste Kapitel in Toepfers Werk ist das zwölfte und somit letzte, die Höfische Liebe, welches Perlen beinhaltet wie:

Am Hof des idealen Königs gibt es keine schreienden Babys, keine stillenden Mütter und keine badenden Väter. (S. 384)

Oder:

Sexualität ist in der passionierten Liebe immer Selbstzweck und nie nur Mittel zur Reproduktion. (S. 369)

Die Autorin bezieht die moderne Glücksforschung mit ein, wobei man noch den englischen Professor Paul Dolan erwähnen könnte, der ja mit seiner Feststellung, dass kinderlose, unverheiratete Frauen die glücklichste gesellschaftliche Gruppe wären, europaweit die Gemüter erhitzte.

Die Glücksforschung erkennt, dass es selbstbewussten, glücklichen Leuten leichtfällt, kinderlos zu bleiben, weil es sie wenig kostet, gegen den Mainstream und somit das traditionell-konservativ-bürgerliche Familienmodell zu rebellieren.

Im Epilog widmet sich Toepfer einer Kampagne des italienischen Gesundheitsministeriums, das Frauen zur Reproduktion animieren möchte, indem ihre Panik vor dem Alter und dem damit einhergehenden Fruchtbarkeitsverlust gezielt geschürt wird. Nun, Gianna Nannini wurde eigenen Angaben zufolge mit 50+ auf natürlichem Weg schwanger. Die Sängerin wies darauf hin, dass das im Süden nichts Besonderes wäre, was korrekt ist. Auch einer Perserin passierte das – mit Ende 50. Es passt zu unserer misogynen Welt, dass solche Frauen scharf kritisiert werden, wohingegen Väter mit 60, 70 oder gar 80 nicht annähernd solchen Gegenwind aushalten müssen. Zudem sind Spekulationen über die „Natürlichkeit“ des Vorgangs in Bezug auf Frauen deutlich abwertender als ihre männlichen Pendants betreffend. Zumindest einen Satz, dass das Degradieren von Frauen zu menschlichen Inkubatoren in erster Linie die Domäne rechter Parteien ist – in Italien prominent durch Matteo Salvini verkörpert – wünscht man sich schon.

Das Buch Kinderlosigkeit stellt einen der wertvollsten und einzigartigsten Beiträge zur aktuellen Un*fruchtbarkeitsdebatte dar.

Wunschlos glücklich sind in den mittelalterlichen Romanen jene, die sich über das Thema Un*fruchtbarkeit überhaupt keine Gedanken machen. (S. 362)

 

Regina Toepfer: Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter.
J.B. Metzler, Stuttgart 2020
510 Seiten, 29.99 EUR
ISBN 978-3-476-05674-0

 

Lob und Preis dem Kondom, aber was soll der Fetzen im Gesicht?

The data is in: men are too fragile to wear Covid-19 masks. Grow up, guys

New studies show that men are worried masks are not masculine. Are masks becoming the ‘condoms of the face’?

Priya Elan, 3.7.2020, Guardian

 

Der Freitag brachte diesen Artikel vier Tage später in einer Übersetzung von Carola Torti, was u.a. deswegen eigenartig ist, da der Verleger dieser deutschen Wochenzeitung, Jakob Augstein, den Maßnahmen angeblich kritisch gegenübersteht, aber einen gegen die Kritiker hetzenden Text veröffentlicht.

 

Mein sehr verehrter Herr Elan,

einleitend sei gleich mal gesagt: wenn das Kondom auch nur annähernd so eine Erfolgsgeschichte wäre wie die Covid-19-Maske, die Sie so beweihräuchern, dann wäre nicht alles in Butter, aber vieles doch deutlich besser.

Wir hätten nicht Millionen Frauen, die ihren Körper tagtäglich durch das Einnehmen von Pillenpräparaten gefährden, die Schlaganfälle, Thrombosen oder einen Herzinfarkt riskieren, nur um ihren Typen nicht mit einer völlig nebenwirkungsfreien Verhütungsmethode zu belasten.

Stellen Sie sich vor, es gibt Herren, die ihre Männlichkeit durch das Benutzen von Kondomen nicht beeinträchtigt sehen, durch das Tragen einer Maske aber, deren Sinn von zahlreichen Ärzt*innen in Frage gestellt wird, das Gefühl hätten, ein Instrument der Unterdrückung und der Folter im Gesicht zu haben. Sie sehen ihr Grundrecht auf freies Atmen, auf ungehinderte Sauerstoffzufuhr, eingeschränkt, sie lehnen es ab, gesundheitsfaschistischen Regierungsmaßnahmen unkritisch Folge zu leisten.

Und jetzt kommt’s noch besser! Es mag ja sein, dass einige Frauen mehr zur Konformität neigen, wie Sie das ja teilweise zutreffend beschreiben. Wer sich anpasst, trägt Maske, zweifellos. Aber es gibt Radikalfeministinnen, die das nicht tun. Und zwar aus genau den Gründen, die auch kondombenutzende Feministen, die den Maulkorb von sich weisen, haben: Keine Unterwerfung unter das patriarchale Regime! Selbiges möchte, dass ich als brave deutsche Frau Kinder bekomme und einen sinnlosen Stofffetzen vor meinen Mund hänge – aber beides kommt nicht in Frage!

Ich lehne die Verschleierung ab, ich werde nicht freiwillig meine Lippen verschleiern, nur weil Leute wie Merkel und Spahn sowie andere Menschen, die von Medizin ebenfalls keinerlei Ahnung haben, der Ansicht sind, das würde irgendjemandem etwas bringen.

Am 10.6. 2020 wurde Streeck in der Welt (Virologe Streeck kritisiert deutschen Lockdown) folgendermaßen zitiert:

Am Anfang der Pandemie wurde ja dezidiert gewarnt vor Masken. Die Gründe dafür gelten immer noch, auch wenn sie merkwürdigerweise keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Die Leute knüllen die Masken in die Hosentasche, fassen sie ständig an und schnallen sie sich zwei Wochen lang immer wieder vor den Mund, wahrscheinlich ungewaschen. Das ist ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze.

Und Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, sekundiert:

Die Wirkung einer generellen Maskenpflicht ist wissenschaftlich hoch fragwürdig – und, wenn Sie mich persönlich fragen, kulturell ist sie definitiv nicht wünschenswert… In der Summe richten sie womöglich mindestens so viel Schaden an, wie sie eventuell nutzen. (BZ, 10.5. 2020).

Die Instrumentalisierung der Angst klappt beim deutschen Volk wunderbar. Und wenn es ein paar mutige Frauen und Männer gibt, die sich nicht irre machen lassen, dann ist das erfreulich und rühmenswert und nicht ein paar Pseudo-Feministen, die Kondom und Maske benutzen.

Mein persönlicher Alptraum ist ein Maskenträger, der keine Kondome verwendet – denn er trägt dazu bei, die Umwelt endgültig zu ruinieren, indem er die Überbevölkerung ignoriert, und sich noch dazu gut fühlt, weil er meint, rücksichtsvoll gegenüber dem Opa seines Corona-Babys, dem er nebenbei bemerkt eine heillos kaputte Welt hinterlässt, zu handeln. Dabei ist er als Maßnahmenbefürworter schuld daran, dass selbiger Großvater monatelang eingesperrt wurde und die totale Entmündigung und Isolation erleben musste.

Von der Aussetzung der Grundrechte und der menschlichen Fortpflanzung in Zeiten von Corona und Klimawandel

Beim Eiskauf an der Theke einer Eisdiele entspann sich an Ostern ein interessanter Dialog mit dem Betreiber selbiger, der mir vorwarf, keinen Respekt vor Senior*innen zu haben. Aha. Man ist also respektlos gegenüber älteren Menschen, wenn man Kritik übt an den teilweise schon faschistoid anmutenden Maßnahmen, die momentan unser Land fest im Griff halten.

Besonders amüsant hierbei ist die Tatsache, dass ich gerade aus Recherchegründen sechs (!) Bücher las zum Thema Ageismus…

Es steht völlig außer Frage, dass die Gesundheit aller Menschen ein hohes Gut ist, das geschützt werden muss. Über das WIE lässt sich allerdings streiten, zumal es ja eben nicht um Pest oder Cholera geht. Weltweit führende Experten wie Professor Ioannidis haben zahlreiche Artikel veröffentlicht, die klar machen, dass der Lockdown und die Massenpanik bedeutend mehr Todesopfer fordern werden als das Virus an sich.

Ein typisch deutsches Phänomen ist traurigerweise das ganz gezielte, extrem aggressive Diffamieren progressiver, gegen den Mainstream gerichteter Meinungen und Erkenntnisse. Das traf Dr. Wodarg und Frau Bahner, mit denen man sich kaum ernsthaft auseinandersetzte. Man stülpt einfach das Etikett „Verschwörungstheoretiker“ über die betreffende mutige Einzelperson und schon muss man den jeweiligen Menschen nicht mehr ernst nehmen. Problem gelöst.

Völlig wumpe, dass auch mein Eisverkäufer schwerste wirtschaftliche Einbußen hinnehmen muss, weil er die große Terrasse nicht betreiben darf und sehr wenige Leute in den Straßen unterwegs sind. Völlig wumpe, dass diejenigen Alten, die nach eigenen Angaben lieber am Virus sterben würden, jetzt an Einsamkeit sterben. Völlig wumpe, dass die Suizidraten steigen, die Fälle häuslicher Gewalt ohnehin, denn – wir haben immer noch den Lichtblick eines Geburtenbooms in neun Monaten, ist das nicht wunderbar!

Dabei ähnelt die Sachlage frappant der vor einem Jahr: Ist doch egal, was für eine Welt man den Kindern da zumutet! Kollaps des Ökosystems, Millionen Klimatote, alles ganz egal, Hauptsache, wir bekommen mehr deutsche Kinder.

Dass diese Kinder jetzt zusätzlich zur desolaten ökologischen und politischen Lage auch noch in eine Welt geboren werden, in der sie jederzeit willkürlich monatelang eingesperrt werden, in der sie keine Freunde treffen, nicht Fußball spielen dürfen, in der es keinen Jugendclub im Theater gibt, keine Musikschule und keine Bücherei – das ist eine Katastrophe, die jeden denkenden Menschen von der Reproduktion abhalten müsste.

Und da reden wir noch nicht mal von wirklich gefährlichen Pandemien. Vor einem Jahr prophezeite ich durch Überbevölkerung, Fleischkonsum etc. verursachte Seuchen – ich wurde von vielen dafür ausgelacht. Vielleicht lachen ein paar dieser Spaßvögel jetzt schon nicht mehr ganz so laut, denn Corona ist erst der Anfang. Die komplett überlastete Erde (N.B. Bei unserem aktuellen Lebensstil bräuchten wir im Schnitt drei Welten, manche Länder sogar noch deutlich mehr) wird sich noch ganz andere Mittel einfallen lassen, um zurückzuschlagen gegen die Milliarden, die sie nicht nur ausbeuten, was das Zeug hält, sondern auch durch tägliches Hinzufügen weiterer 400 000 Menschen unerträglich stark belasten.

Um Sir David Attenborough zu zitieren: „Either we limit our population growth or the natural world will do it for us.“ Das ist natürlich in der durch den Lockdown bedingten Kondom-Knappheit nicht für alle so leicht, aber den Deutschen als hochgradigen Ressourcenvergeudern obliegt diese Aufgabe sowieso in besonderem Maß. Man erinnere sich – ein deutsches Kind verbraucht so viele Ressourcen wie eine ganze afrikanische Schulklasse…

Flatten the curve ist ein Slogan, der endlich unbedingt auch auf unsere Bevölkerungsentwicklung Anwendung finden muss, und zwar auch und gerade jetzt. Das muss auch der Eisdielenbesitzer zugeben, wenn er nicht möchte, dass er in ein paar Jahren gar niemanden mehr hat, dem er sein köstliches Gelato verkaufen kann.

 

Seuchenhysterie – faschistoide Maßnahmen wegen eines Virus, während die Umwelt vielen keine freiwillige Einschränkung wert ist

Jeden Frühling und Sommer drohen Millionen Allergiker*innen aufgrund immer aggressiverer Pollen und immer heftigerer Reaktionen darauf zu ersticken. Das interessiert niemanden. Eine viel weniger bedrohliche Sache hingegen ist es den Regierenden wert, das gesellschaftliche Leben nahezu völlig lahm zu legen und Menschenrechte außer Kraft zu setzen. In den Seniorenheimen werden Menschen an Vereinsamung sterben, die häusliche Gewalt gegen Frauen wird noch mehr überhand nehmen.
Nicht genug damit, dass fast kritiklos immense Einschränkungen hingenommen werden, die in keinerlei Verhältnis zur Bedrohung stehen, vielmehr wird auch noch augenzwinkernd verlautbart, man könne den „Hausarrest“ ja nutzen, um weitere deutsche Kinder zu zeugen. Denen wird die ökologische Totalkatastrophe zugemutet, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihnen wird eine Welt zugemutet, in der sie aktuell weder ins Hallenbad gehen können noch zum Eislaufen, noch sich ein Buch ausleihen können in einer öffentlichen Bibliothek. Und der Bevölkerung in Afrika und Asien wird weiterhin zugemutet, dass wegen unserer falschen Reproduktionsentscheidungen Menschen erstochen werden, wie im Sommer 2019 die Inderin im Kampf ums Wasser.
Wer nicht die Kernforderung der AfD nach mehr deutschen Kindern erfüllen, sondern vielleicht lieber was lesen möchte:

Die Childfree-Rebellion

Warum »zu radikal« gerade radikal genug ist

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