Monat: Oktober 2020

Es lebe der Backlash!

 

Kinderwunschbehandlungen werden künftig vom Freistaat Bayern finanziert – mit vierstelligen Beträgen PRO PAAR. Eine absolute Katastrophe, ein Schlag ins Gesicht für all die Millionen Kinder weltweit, die bereits existieren und denen es nicht so gut geht, denen man mit diesen Wahnsinnsbeträgen signifikant helfen könnte… Aber warum sollte man afrikanische Kinder vor dem Hungertod oder Krankheiten oder Zwangsverheiratung retten, wenn man mit diesem Geld auch scheinbar wertvollere bayerische Kinder züchten kann?

Dazu passt, dass der Bund das Kindergeld erhöhen und Steuern für Familien senken will – grandiose Idee, es ist schließlich nicht so, dass aufgrund des immer kleineren Lebensraums für Tiere Viren auf den Menschen überspringen… Unserem Planeten geht es so exzellent gut, da kann man schon mal mit voller Kraft voraus in die falsche Richtung fahren, warum denn nicht! Dabei ist es ethisch-moralisch ohnehin immer falsch, jemandem dabei zu helfen, the harm of existence einem unschuldigen Dritten zuzumuten, wenn man den südafrikanischen Philosophen David Benatar fragt.

Auch den Maskenwahnsinn darf man offenbar nur als Elternteil bekämpfen, um der Kinder willen, warum denn auch sonst. Als kinderfreier Mensch kann man sich schon mal für Verbrechen bestrafen lassen, die man nicht begangen hat. Corona-Maßnahmen treffen ja schließlich nur die armen Eltern, Singles oder Senior*innen haben darunter überhaupt nicht zu leiden! Wer braucht schon ein Theater oder eine Kneipe, wenn man daheim mit den Kindern Masken schneidern und den Mädchen das Kochen beibringen kann?

Rollback welcome! Vielen Dank, CSU/CDU! Ich freue mich ungemein auf eine Welt, in der es nur noch Menschen gibt, dumpf-reaktionäre, dafür aber ganz, ganz viele davon!

18.11.2020: Kinderlosigkeit – Traum statt Trauma? Talk-Livestream zur Buchveröffentlichung von Regina Toepfer

Mittwoch, 18.11.2020:

Kinderlosigkeit – Traum statt Trauma?

Traum statt Trauma – so lautet das Glücksversprechen von Kinderwunschzentren. Doch inwiefern ist Elternschaft überhaupt für alle kinderlosen Frauen und kinderlosen Männer erstrebenswert? Gehören Kinder notwendigerweise zu einem erfüllten und sinnhaften Leben dazu, und was bedeutet eine solche Auffassung für Singles, für gleichgeschlechtliche Paare oder überzeugte Nicht-Mütter?

Kinderlosigkeit löst gespaltene Gefühle und Reaktionen aus. Während in Politik und Gesellschaft über eine geringe Geburtenrate geklagt wird, wünschen sich viele Betroffene sehnlichst Nachwuchs. Andere entscheiden sich bewusst gegen ein Kind und manche bereuen gar, Eltern geworden zu sein. Frauen, die keine Kinder haben wollen, gelten als egoistisch; Paare, die keinen Nachwuchs bekommen können, werden zum Arzt geschickt, um sich reproduktionsmedizinisch behandeln zu lassen.

Für die Literaturwissenschaftlerin Regina Toepfer steht fest: Kinderlosigkeit ist kein biologisches Schicksal, sondern sozial und kulturell geprägt. Was politisch als Problem beurteilt wird, kann religiös oder ökologisch als Ideal erscheinen. In ihrem Buch “Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter” (2020) zeigt sie, dass die Kinderfrage in Vergangenheit und Gegenwart viele verschiedene Facetten hat.

Abseits von Stereotypen will der Talk vielfältige Perspektiven berücksichtigen und so Raum schaffen für die Frage, wie die Binarität von Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit, Elternschaft und Kinderlosigkeit überwunden werden kann. Ausdrücklich erwünscht sind Fragen der Zuschauer*innen während des 75-minütigen Livestreams am Mittwoch, 18. November 2020 auf dem YouTube Kanal der Technischen Universität Braunschweig.
Schalten Sie ab 18.00 Uhr ein!

Talk Gäste:

Zur Buchveröffentlichung von Regina Toepfer: Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter (2020, Stuttgart: J.B. Metzler)

wird die Autorin:
Regina Toepfer, Professorin für Germanistische Mediävistik an der Technischen Universität Braunschweig,

zusammen mit:
Verena Brunschweiger, Autorin der Bücher “Kinderfrei statt Kinderlos. Ein Manifest” (2019) und “Die Childfree-Rebellion: Warum ‘zu radikal’ gerade radikal genug ist” (2020),
und Petra Thorn, Therapeutin spezialisiert auf psychosoziale Kinderwunschberatung, Herausgeberin mehrerer Bücher u.a. zu multipler Elternschaft
im Gespräch sein.

Moderation:
Elisabeth Hoffmann, Technische Universität Braunschweig, Leitung Presse und Kommunikation
Co-Moderation:
Jeremias Othman, Wissenschaftskommunikator und Mediendidaktiker

Details: Mittwoch, 18. November 2020, 18-19.15 Uhr

Der YouTube-Link folgt in Kürze.

Fight Back! Trigger Warning von Sheila Jeffreys als grandioses Resümee eines radikalfeministischen Lebens

Von Dr. phil. Verena Brunschweiger, 11. Oktober 2020

I found myself isolated as a radical lesbian feminist theorist and teacher in a world where feminism was scarcely mentioned or actively repudiated. This period was a lonely one for the few of us still working and acting as radical feminists in the western world.

Dieses Gefühl der Verlorenheit, das Empfinden, ganz allein zu sein auf weiter Flur – das kennt im Jahr 2020 wohl tatsächlich jede Radikalfeministin, nicht nur die mittlerweile 72-jährige Sheila Jeffreys, welche diese Zeilen in der Einleitung zu ihrer Autobiographie schreibt.

Umgeben von Pseudofeministinnen, die beispielsweise dem Happy-Sexwork-Mythos huldigen, ist es eine unbeschreibliche Wohltat, diese Retrospektive zu lesen, die so viel mehr ist als nur das. Die Autorin berichtet zwar sehr wohl von ihrer Kindheit und Jugend, von hetero- und homosexuellen Begegnungen, aber sie bringt uns in eindringlicher Weise den Zeitgeist ihrer Welt nahe. Ob wir uns im England der 1970er befinden oder im Australien (wo die Politikwissenschaftlerin über zwanzig Jahre an der Universität Melbourne unterrichtete) der Nuller Jahre – stets hat man das Gefühl, direkt dabei zu sein, mit Ann, Sheila und anderen Feministinnen zu diskutieren oder zu demonstrieren.

Bei einer Autorin, die immer wieder die großartige Janice Raymond als eine der wichtigsten Kolleginnen anführt, überrascht es nicht, dass sie selbst in der Reproduktion einen der Hauptgründe für die weibliche Unterdrückung sieht und dieses Modell für sich selbst ablehnt:

Living as a fertility goddess did not attract me at all as I was too interested in the life of the mind and in conversation.

Dieser Aspekt ist aber nur einer der höchst erfreulichen, die dieses Buch zu so einem Genuss machen. Sheila Jeffreys verortet sich links und sie kritisiert den Antisemitismus, der im England der 1980er durchaus salonfähig war – und zwar auch in feministischen Kreisen, was noch dazu von linken Zeitungen und dem Malestream unterstützt wurde:

Antisemitism is the only form of racism that has always been acceptable to some of the hard Left and is based on blaming Jews for capitalism.

Bei einer in jeglicher Hinsicht hellsichtigen Aktivistin nimmt es natürlich auch nicht wunder, dass der antifeministische Backlash, der sich unter anderem darin manifestiert, dass Kritik an Pornografie oder Prostitution nahezu ausstarb, immer wieder Thema ist. Erst Gail Dines, die Autorin von Pornland, sorgte hier für eine Wiederbelebung – “and others in the 2010s“ (beispielsweise 2013 mein Buch Fuck Porn). Jeffreys hatte das Glück, mit Andrea Dworkin und vielen anderen namhaften Radikalfeministinnen persönlich bekannt zu sein und zu kooperieren.

Wer sich in mehreren Büchern und zahllosen Aktionen gegen die Privilegierung weißer Cis-Männer wendet, bekommt in der Regel massiven Gegenwind zu spüren. Da ist Jeffreys keine Ausnahme. Mehrfach und systematisch erlebte sie, was den meisten Radikalfeministinnen hinlänglich bekannt ist: Es wird versucht, die betreffende Autorin mundtot zu machen, sie zu ignorieren, zu diffamieren; ihre Bücher und Auftritte werden verrissen:

Immediately afterwards, the host, Kenny, told me that there had been lots of infuriated viewers phoning in to object to my having been on the show. […] None of the commentators were neutral about the book, they either loved or hated it and my detractors were very angry.

Personen, die im Leben keins ihrer Bücher kauften oder lasen, schrieben ihr negative Bewertungen auf Amazon – Internet sei Dank haben niveaulose Hater ja ein unbegrenztes Feld an Möglichkeiten, unbequeme Frauen zu degradieren. Und es geht noch weiter, bis hin zu beruflichen Nachteilen, beispielsweise in Form von Nicht-Anstellungen:

The woman who did get the job had not written a book, had no more qualifications than me, and was much less well known. But she was, presumably, politically safe, whereas I was not.

Trotz ausführlicher Klagen über die Feindseligkeit, die man seit den frühen 2000ern dem Feminismus allerorts entgegenbringt, auch und gerade von Seiten queerer Aktivist*innen, wird Jeffreys‘ Ton nie bitter, sondern strahlt in jedem Abschnitt eine inspirierende Zuversicht aus und eine tiefe Befriedigung darüber, Teil dieses Wegs gewesen zu sein, einen so bedeutsamen Beitrag geleistet zu haben und für die wirklich coolen jungen Radikalfeministinnen heute noch als Vorbild zu fungieren. Der Kampf lohnt sich trotz allem. Immer. Prinzipiell.

Sheila Jeffreys: Trigger Warning. My Lesbian Feminist Life.

Spinifex Press, North Geelong 2020

240 Seiten, 21.31 EUR

ISBN: 978-1925950205

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